Der Arbeitstag neigte sich seinem Ende entgegen, endlich. Nicht, dass Lennie widerwillig in dem zweistöckigen Kaufhaus als Putzfrau arbeitete; nein, sie tat es sogar wirklich gern. Sie hielt die Toiletten im Obergeschoss sauber. Manchmal, wenn nicht viel zu tun war, setzte sie sich auf eine der Bänke in der Galerie und beobachtete still die Menschen, die eine Etage weiter unten eilig oder schlendernd an den großen Schaufenstern vorbei liefen, Einkaufswagen vor sich her schoben oder prall gefüllte, bunte Taschen an sich drückten. Durch den breiten Gang der Einkaufspassage drängten sich ständig Menschenmassen, und wie das Gemurmel eines fernen Baches wehten die Geräusche des Einkaufscenters zu Lennie herauf. Lennie selbst fiel den meisten Menschen nicht auf. Sie war eine kleine, 60 Jahre alte Frau mit mausgrauen Haaren, die sie unter einem ebenso mausgrauen Kopftuch verbarg, bis nur noch ein paar Locken hervorlugten. Auch ihr Kittel war grau und vervollständigte ihre Unscheinbarkeit. Ihr Gesicht war überraschender Weise von nur wenigen kleinen Falten durchzogen, die Hände feingliedrig und schmal wie die Hände einer Dame. Doch unter den rosaroten Gummihandschuhen fielen die feinen Hände niemandem auf. Die meisten Menschen sahen nur eine kleine, alte Frau, die durch Putzen ihre wohl klägliche Rente aufbesserte. Einzig ihre Augen offenbarten etwas anderes; sie blickten neugierig, klug und jung in die Welt, und waren von einem so tiefen Blau, dass sie dem Betrachter für Sekunden das Atmen vergessen lassen konnten. Doch nur selten nahmen Kunden von Lennie Notiz, und noch seltener verirrte sich eine der Kaufhausangstellten zu ihr herauf. Vermutlich wussten diese nicht einmal um ihre Existenz, was Lennie aber nicht störte.
Schweigend betrachtete Lennie das abflauende Gewusel unter ihr. In wenigen Minuten würde das Kaufhaus schließen. Die Kunden verließen die Einkaufspassage, die Gänge leerten sich, das Gemurmel des Shoppingcenters verstummte langsam. Sie wartete darauf, dass die Verkäuferinnen die Lampen löschen, die Boutiquen abschließen und auf ihren hohen Absatzschuhen zum Angestelltenparkplatz tippeln würden. Wie jeden Abend kam kurze Zeit danach Emila schnaufend die Treppe herauf, um Lennie’s Toiletten-Bereich kritisch zu überprüfen. Lennie spürte Emilas Abneigung vom ersten Tag an, seit sie von einem mürrisch drein blickenden, untersetzten und stets gehetzt wirkenden Assistent-Manager als Putzfrau eingestellt und Emila ihr als ihre Vorgesetzte vorgestellt wurde. Später erfuhr Lennie, dass Emila darauf spekuliert hatte, ihrer eigenen Schwiegertochter diesen krisensicheren Job zu beschaffen. Seitdem hatte die ewig unzufriedene Emila besonders an Lennies Arbeit ständig etwas herumzunörgeln und auszusetzen, ob es nun die Waschbecken betraf, die nicht trocken genug gerieben waren, oder die Spiegel, die Lennie nicht ordentlich geputzt hätte. Einen Grund fand Emila immer, laut über Schluderei zu schimpfen und dass sie so etwas nicht dulden würde. Das bereits vom Treppensteigen gerötete Gesicht der korpulenten Emila wurde dann in Sekundenbruchteilen noch eine Nuance rötlicher und ihre ohnehin schon schrille Stimme überschlug sich. Lennie ertrug Emilas abendliches Geschimpfe schweigend und ohne Widerworte seit nunmehr 5 Jahren. Still putzte sie eben noch einmal über die Waschbecken oder die Spiegel und vergaß Emilas Anwesenheit einfach.
Ein weißer voller Mond beschien den nun leeren Parkplatz und die stillen Straßen. Die Lichter des Kaufhauses waren erloschen, der Nachtwächter hatte seinen ersten Rundgang beendet. Lennie verließ wie immer als Letzte das Kaufhaus und steuerte mit gesenktem Kopf auf die nahe gelegene Bushaltestelle zu. Hugo stand bereits rauchend vor seinem leeren Bus. Hugo wartete jeden Abend auf Lennie, um sie ein paar Stationen mitzunehmen. Der knapp 60-Jährige im braunen Cordanzug und mit der etwas schief sitzenden Baskenmütze auf dem Kopf lächelte, als er Lennie auf sich zukommen sah. Sie nickten einander freundlich aber stumm zu. Lennie kletterte in den Bus und mit einem Zischen schlossen sich die Türen. Schweigend steuerte Hugo den Bus durch die Nacht. Seit 5 Jahren fuhr Hugo nun schon diese Strecke, immer die Abendschicht, die bei seinen jüngeren Kollegen nicht unbedingt beliebt war. Zu abgelegen, zu still, zu langweilig. Die Abende fühlten sich dann unendlich lang und leer an, sagten sie. Hugo jedoch mochte gerade die ruhigeren Abendschichten, wenn nur wenige Fahrgäste auf ihren Sitzen dösten. Die letzten drei Stationen bis zum Busdepot blieb der Bus meistens leer. Bis auf Lennie. Lennie, die Graue, wie Hugo sie im Stillen nannte. Zu Anfang hatte Hugo noch versucht, mit Lennie ins Gespräch zu kommen, hatte sie nach ihrem Namen und ihrer Familie gefragt und ob sie in dem Kaufhaus arbeiten würde. Lennie hatte immer nur gelächelt und genickt, aber geschwiegen. Sie hatten kaum ein Wort seither miteinander gesprochen. Vielleicht konnte Lennie auch die Sprache gar nicht richtig, sinnierte Hugo nicht zum ersten Mal. Aber er mochte die kleine, stille Frau gern, und wartete auch schon einmal ein paar Minuten, wenn Lennie sich zu verspäten schien. Und Lennie dankte ihm jeden Abend mit einem Lächeln, das Hugo dem Atem stocken und ihm sein Alter vergessen ließ, bevor sie kurz vor der Endstation aus dem Bus stieg und in dem kleinen Wald am Stadtrand verschwand. Und mit diesem Lächeln vergaß Hugo auch seine Neugier und seine Besorgnis, und es schien ihm dann nicht mehr ungewöhnlich zu sein, dass eine kleine, alte, graue Frau mitten in der Nacht sich in einer menschenleeren Gegend absetzen ließ und allein im Wald verschwand. Er sah auch niemals den außerordentlich großen, schwarzen, struppigen Hund mit den tiefblauen Augen, der Lennie jede Nacht mit einem Schwanzwedeln begrüßte, ihr mit einer feuchten, rauen Zunge über das Gesicht leckte und sie dann durch den Wald zu der Hütte begleitete, die Lennie seit ihrer Verbannung ihr zu hause nannte.
Zielstrebig steuerten die Frau und der Hund auf die versteckte Lichtung zu. Sie kannten beide den verborgenen Weg, wussten um seine Wurzelschlingen und Bodendellen, um die Ranken der Brombeerbüsche, die sich nun wie von selbst zur Seite neigten und ihnen Durchlass gewährten, ohne dass sich die Nadeln an Kleidung oder Fell verhakten. Wo eben noch eine undurchsichtige Mauer aus Gestrüpp und Dornenranken keinen Durchgang vermuten ließen, öffneten die silbernen Strahlen des Mondes vor Lennie und ihrem Begleiter ein kleines Tor und gaben den Blick auf ein winziges Häuschen inmitten eines Hains aus Weiden und Buchen frei.
Die kleine Hütte war gleichsam mit den umstehenden Bäumen verwoben und schien nur für denjenigen sichtbar zu werden, der um ihre Existenz wusste. Das Dach war mit Moos überzogen und schimmerte grünlich-silbern im Mondlicht. Die Wände waren über und über mit Efeu bewachsen. Zwei mächtige alte Weiden standen zu beiden Seiten des Häuschen, schlossen es förmlich mit ihren tief herunterhängenden Zweigen ein und bewahrten es so vor neugierigen Blicken. Aus winzigen Fenstern schimmerte einladend warmes Licht.
Lennie lächelte beim Anblick ihres Zuhauses, blieb aber einige Meter vor der kleinen Tür stehen. Auch der große Hund neben ihr stoppte, hob prüfend seine Nase und sog die würzige Waldluft ein. Augenblicke verharrten die Frau und das Tier regungslos, lauschten in die nächtliche Stille des Waldes, nahmen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Sinnen ihre Umgebung in sich auf und kamen beide zu dem selben Ergebnis: Es war alles in Ordnung; der Wald und das Häuschen waren unberührt, so, wie Lennie sie vor Stunden verlassen hatte.
Sie schlüpften nacheinander durch die hölzerne Tür und betraten den einzigen Raum der Hütte. Er schien winzig zu sein und von den niedrigen Balken hingen getrocknete Kräuter herab, die einen angenehmen würzigen Duft verbreiteten. Der Boden war mit feinem, weißen Sand überzogen. Der Tür gegenüber, in der linken Ecke des Raumes, stand ein großer alter Kachelofen. Ein paar Töpfe und Pfannen, sauber poliert, baumelten neben dem Ofen über einem noch älter wirkenden gusseisernen Herd. Holzscheite waren ordentlich an die Seite des Herdes aufgestapelt. Den größten Teil der rechten Wand nahmen Regale ein, die voll gestopft waren mit Büchern und Muscheln. In der Mitte des Raumes standen ein rustikaler Eichentisch und zwei Stühle. An der linken Wandseite, unter drei kleinen Fenstern, fanden ein gemütliches Sofa und eine kleine Kommode Platz, in einer emaillierten Schüssel war ein Krug gefüllt mit kristallklarem Wasser abgestellt. Ein kleiner Schrank und zwei Truhen vervollständigten das Mobiliar des Hauses. Nirgends schien es elektrischen Strom zu geben, Dutzende von Kerzen tauchten den Raum in warmes, goldenes Licht. Es gab keine Uhr und keinen Spiegel. Einziger Schmuck des Raumes war das Gemälde über der Kommode. Es zeigte das nächtliche Meer unter einem Sternenhimmel und die lebendigen Farben überstrahlten den einfachen und schlicht ausgestatteten Raum und nahmen ihm gleichzeitig seine Enge und Begrenztheit.
Liebe Sabine, ab und zu kuck ich mal hier rein, um zu sehen, ob es nicht doch langsam weitergeht. Aber leider werde ich immer wieder enttaeuscht.
Ich wuensche Dir trotzdem ein schoenes Wochenende.
Liebe Gruesse, Lieselotte
Lieselotte, du bist nicht alleine!
Mir geht es genauso.
lg
Schaaaf
Meuterei?
So, ich hab ja Erbarmen und präsentiere euch den nächsten Auszug. Er ist längst nicht perfekt und auch erst ein erster Arbeitsauszug. Es wird weiter geschrieben.
UIIIIIIIIIIIIIII danke!
Bin verschlinge jedes “Häppchen” was mir unter die Augen kommt.
@Schaaaf : Verschluck dich nicht, das ist noch reichlich ungekocht. Nächste Woche hab ich Urlaub … da sollte ich besser voran kommen.
Oh mann, Bin verschlinge??? Ich sollte besser nichts schreiben solange unser Wirbelwind mich gleichzeitig mit Spielküchenfraß füttert….ich glaube imaginäre Nudeln bekommen mir nicht.
Oh, vielen Dank, liebe Sabine, Du bist ein Schatz!!!
Ich wuensche Dir ein schoenes Wochenende und erholsame Ferien mit vielen
Lennie-kreativen Ideen.
Liebe Gruesse, Lieselotte
So, dein Urlaub ist ja nun fast schon wieder rum….wie siehts denn aus mit Lennie? *duckundweg*
Auch mal wieder vorsichtig nachfrage, wann es denn mit Lennie weitergeht? *knuddeldichlieb*
*seufz* Ja – ich weiß, ich strapaziere eure Geduld. Ich frag mal am Wochenende (nach einer langen Mütze Schlaf) meine Muse, ob sie willens ist.
*warte*
Hallo Karniggelchen, auch ich warte sehnsuechtig auf eine Fortsetzung von Lennie. Der Anfang war so vielversprechend!
Liebe Gruesse aus den heissen Sueden von Lieselotte
Ich weiß, ich weiß … ich strapaziere eure Geduld. *ganz schlechtes Gewissen deswegen schon hab*
Ich sag mal lieber nix dazu…
*nochmehrschlechtesGewissenhab* … und auch, wenn man gaaaaar nichts sagt hab ich die Botschaft verstanden! Ich werde mal die angestaubte Muse anstubsen.