Drei Stunden später inspizierten zwei außerordentlich adrett gekleidete junge Männer die Orientierungstafel des Calico-Memorial-Hospital. Dean und Sam hatten sich als FBI-Agenten am Empfangsschalter ausgegeben und von einer überaus gestresst wirkenden älteren Dame die Zimmernummer von Sandro Mendorra erfahren: Nummer 558, 5. Etage.
„Hey, die Etage ist komplett für Privatpatienten reserviert!“ stellte Dean erstaunt fest. „Sagtest du nicht, dieser Mendorra wäre ein Mohwaee-Indianer? Merkwürdig, dass die sich eine First Class Krankenversicherung leisten können!“.
„Hm“ erwiderte Sam nur. Das war wirklich merkwürdig. „Komm schon!“ Sam zog seinen älteren Bruder zum Lift.
Dean zerrte wie immer ungeduldig an seiner Krawatte. Er hasste diese unbequemen Anzüge und trug viel lieber Shirts, Jeans und Lederjacke. Sam hatte jedoch auf die Verkleidung bestanden und er hatte Recht; die Leute waren weniger misstrauisch und akzeptierten bereitwillig die gefälschten Ausweise.
Die Brüder hatten mittlerweile die 5. Etage erreicht und blickten sich noch einmal unauffällig um. Der angebliche Motorradunfall war knapp eine Woche her, gut möglich, dass sich der eine oder andere echte Polizeibeamte noch hier aufhielt. Doch alles schien ruhig, ein normaler langweiliger Krankenhausflur an einem heißen Nachmittag in Calico. Sam und Dean sahen sich stumm an, vergewisserten sich, dass der jeweils andere bereit war, dann klopfte Sam entschlossen an die Tür mit der Nummer 558 und trat sofort ein, Dean folgte ihm.
Das Zimmer war groß, klimatisiert und fast dunkel. Nur eine kleine Stehlampe tauchte den Raum in ein warmes, angenehmes Licht. Ein einzelnes Bett stand an einer großen, durch einen beigen Vorhang verhangenen Fensterfront. Ein gigantischer Flachbildschirm an der Wand und geschmackvoll ausgesuchte Bilder verrieten, dass es sich tatsächlich um ein Privatkrankenzimmer handeln musste. Nur die medizinischen Apparate und das leise Piepsen des Pulskontrollgerätes erinnerten daran, dass es sich bei dem jungen Mann im Bett um einen Patienten handelte. Um einen Koma-Patienten, um genau zu sein. Die Winchester-Brüder schätzten mit einem schnellen Blick die Lage ein. Sie waren nicht die einzigen Besucher. Am Bett des Jungen saß ein älterer Mann mit langen weißen Haaren, der sich überrascht umgedreht hatte und nun Sam und Dean misstrauisch betrachtete. Ihm gegenüber auf der äußersten Kante eines sehr bequem aussehenden hellen Sessels saß kerzengerade ein junges Mädchen. Sam musterte den alten Mann und das Mädchen, setze ein entschuldigendes Lächeln auf und griff nach seinem gefälschten FBI-Ausweis.
„Entschuldigen sie die Störung, Sir.“ Sam ging auf den noch immer fragend schauenden alten Mann zu. Das Mädchen hatte nicht einmal aufgeblickt, seit Sam und Dean das Zimmer betreten hatten. „Ich bin Agent Hamil, das ist mein Partner, Agent Ford. Wir müssen noch ein paar Fragen stellen, bezüglich des Unfalles von Mr Mendorra.“ vollendete Sam seine Vorstellung und lies den Ausweis schnell wieder in der Innentasche seines Jacketts verschwinden. Noch immer schwieg der alte Mann und starrte die Brüder aus zusammengekniffenen Augen an. Sein Gesicht war zerfurcht. Er mochte ungefähr 70 Jahre alt sein, trug eine zerschlissene Jeans, ein kariertes langärmliges grobes Holzfällerhemd und eine schwarze Lederweste. Vermutlich war er der Großvater des Jungen. Und auch des Mädchens. Sam war sofort die unglaubliche Ähnlichkeit von Sandro und dem Mädchen aufgefallen. Die beiden mussten Zwillinge sein.
Auch Dean hatte stumm den alten Mann und seine Enkelkinder betrachtet und warf Sam einen jener Blicke zu, die Sam mit einem innerlichen Seufzen quittierte. Deans Blick sagte: Hey, die Kleine ist niedlich. Das war sie allerdings wirklich: langes, schwarzes dichtes Haar umspielte ein schmales, etwas blasses Gesicht mit ebenen Zügen und vollen Lippen. Das Mädchen, das auf die Anwesenheit der Brüder mit keiner sichtbaren Reaktion bisher reagiert hatte, hielt die Augen geschlossen. Sam überlegte kurz, welche Farbe sie wohl haben mochten. War sie in einer Art Trance? Dann rief er sich selbst zur Ordnung und konzentrierte sich wieder auf den alten Mann, der noch immer schweigend am Bett seines Enkelsohnes saß.
„Sie sind Mr. Mendorra, der Großvater von Sandro? Wie geht es ihm? Können sie uns noch einmal sagen, was genau passiert ist?“. Sam’s sanfte Stimme riss den alten Mann aus seiner Erstarrung.
„Was will das FBI noch wissen? Wir haben alles bereits gesagt. Es war einfach nur ein Unfall!“ erwiderte der alte Mann und wandte sich wieder Sandro zu. Offensichtlich war er wenig gesprächsbereit.
„Interessantes Tattoo, das ihr Enkelsohn trägt!“ griff Dean in das Gespräch ein und deutete mit einem Kopfnicken auf die Stirn von Sandro. „Hat es eine bestimmte Bedeutung?“
Sam war sich nicht sicher, ob Deans direkte Frage klug war. Aber er vertraute seinem Bruder, er hatte eindeutig mehr Erfahrung darin, aus den Leuten Informationen herauszulocken.
„Es ist ein Stammessymbol.“ beantwortete der alte Indianer ausweichend Deans Frage.
„Was sagen die Ärzte über seinen Zustand?“ hakte Sam nach. „Wird er aus dem Koma aufwachen?“
„Diese weißen Ärzte mit ihrer Schulmedizin, was wissen die schon!“ spukte der Alte verächtlich. „Wir regeln das auf unsere Weise“, fügte er hinzu und lies dabei offen, ob er die Behandlungsmethoden oder den Unfall an sich meinte. Oder vielleicht beides.
Sam überlegte, ob es an der Zeit war, das Versteckspiel zu beenden. Wenn es sich bei Sandro tatsächlich um einen Jäger handelte, würden sie mit der FBI-Tarnung bei seinem Großvater nicht weiter kommen. Dean nahm ihm die Entscheidung ab. Auch sein älterer Bruder war zu dem Entschluss gekommen, zumindest ein kleines Stück der Fassade fallen zu lassen.
„Mr Mendorra, wir wissen, dass Sandro ein … Jäger ist. Oder einer werden sollte.“ Dean sah dem alten Mann fest ins Gesicht. Er hatte das Wort „Jäger“ besonders betont. Sollte der alte Mann etwas über die Dämonenjagd wissen, müsste ihm das aufgefallen sein. Doch der lies sich nichts anmerken.
Dean und Sam schauten sich an und Dean zuckte mit den Schultern. Hier kamen sie nicht weiter.
„Mr Mendorra, wir sollten in Ruhe reden. Rufen sie uns an, wenn sie Zeit haben, okay?“ Sam reichte dem Indianer einen kleinen Zettel mit seiner Handynummer. Nach einem letzten Blick auf den alten Mann und das immer noch regungslos im Sessel sitzende Mädchen verließen die Winchesters das Zimmer.
Kaum hatten sie den Haupteingang des Krankenhauses hinter sich gelassen, fummelte Dean genervt seine Krawatte ab und lies sich in den Impala fallen. Fragend blickte er seinen Bruder an. „Meinst du, er wird anrufen?“
„Ich weiß nicht. Wir sollten ihn aber in jedem Fall im Auge behalten“.
Dean strich sich mit einer Hand durch sein kurzes Haar und seufzte. Das klang nach einer weiteren langweiligen Nachtschicht. „Okay, ich besorge uns Kaffee und was zu essen. Du versuchst mehr über diesen Stamm und das Tattoo herauszufinden.“ wies Dean seinen jüngeren Bruder an und fuhr den Impala an einen weniger auffälligen Platz, von wo aus sie das Fenster zum Zimmer 558 im Blick hatten. Ganz in der Nähe hatte Dean einen kleinen Imbiss gesehen. „Ich bin gleich wieder da. Behalt das Zimmer im Auge!“ und noch bevor Dean die Autotür des nachtschwarzen Chevrolets knarrend ins Schloss fallen lies, hatte Sam bereits seinen Laptop auf dem Schoß und klickte sich durch diverse Seiten, ab und an einen Blick auf das Fenster im 5. Geschoss werfend, aus dem noch immer sanftes Licht in die bereits einsetzende Dämmerung fiel.
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