Wütend warf Dean seine Tasche auf das Bett. Eine Stunde lang hatten sie vergeblich nach einer Spur des Trucks von Mr Mendorra gesucht. Nichts. Der Wagen war urplötzlich im Nichts verschwunden. Im fahlen Mondlicht und mit Taschenlampen hatten sie die Straße abgesucht. Die spärlichen Reifenspuren hörten einfach auf. Aber ein Truck konnte doch nicht einfach vom Erdboden verschwinden! Schließlich beschlossen sie, im nächst besten Motel abzusteigen. Frustriert steuerte Dean den Impala 20 weitere Meilen über staubige Wüstenstraßen, bis sie einen kleinen Vorort von Calico erreichten. Sie hatten Glück, das Motel am Ortseingang hatte freie Betten und der Nachtportier stellte keine Fragen, als Dean für 2 Nächte ein Doppelzimmer bezahlte. Nach den üblichen Vorsichtsmaßnahmen gegen ungebetene Eindringlinge – ob Menschen oder andere Kreaturen – fielen die Brüder in ihre Betten. Sam schlief auf der Stelle ein. In der Ferne hörte Dean noch das Jaulen eines Wolfes, bevor auch er in einen unruhigen Schlaf versank.
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Sam hatte schlecht geschlafen, aber das war nichts Ungewöhnliches für ihn seit Jessicas Tod. Er war mitten in der Nacht aufgewacht und hatte beobachtet, wie Dean sich ruhelos in seinem Bett hin und her wälzte. Sam machte sich Sorgen um seinen großen Bruder. Dean war verschlossen und in sich gekehrt, seit Dad’s Tod. Natürlich hatte Sam versucht, Dean zum Reden zu bewegen. Verdammt, wenn sein Bruder nicht bald sprach und weiterhin versuchte, Dad’s Tod in sich hineinzufressen, würde er früher oder später dabei durchdrehen. Davon war Sam überzeugt. Deswegen war er auch froh gewesen, als Dean nach diesem Job mit der untoten Angela Mason in Greenville endlich über seine Gefühle sprach, auch wenn er seinem Bruder die Selbstvorwürfe nicht ausreden konnte. Dad war gestorben, um Dean zu retten, das war auch Sam klar geworden. Er wünschte, er könnte seinem großen Bruder irgendwie verständlich machen, dass Dads Tod nicht sinnlos war. Doch wie konnte er Dean nur von dessen Schuldgefühlen befreien? Sam war erschüttert gewesen, seinen Bruder so verletzlich und verzweifelt zu sehen. Welche Worte hätte er wählen sollen, um etwas von dieser Last Dean abzunehmen? Er hatte keine gefunden, und geschwiegen. Später hatte sich Dean wieder in ihren Job geflüchtet, und versuchte auf seine Weise mit Dads Tod klar zu kommen.
Sam seufzte leise und blickte auf die Uhr: 4.30 Uhr morgens. Er setzte sich an den Tisch und fuhr das Notebook hoch. An Schlaf war nicht mehr zu denken, also konnte er die Zeit auch für die Recherche nutzen. Minuten später war er im Netz eingeloggt und fand die Homepage des First Nation Museum von Calico. Wenn sie etwas über den Mohwaee-Stamm erfahren konnten, dann dort. Das Museum würde um 9 Uhr öffnen.
Sam beschloss, eine Runde Laufen zu gehen, schlüpfte in eine ausgeblichene Trainingshose und in die teuren Laufschuhe, die er trotz der Proteste seines Bruders immer mitschleppte. Sam liebte das Laufen, es half ihn dabei, den Kopf frei zu bekommen. Mit einem Blick auf seinen schlafenden Bruder verließ er leise das Zimmer und trat in die frische Morgenluft von Calico. Sorgsam beobachtete er die Gegend. Alles war ruhig, kein Mensch war auf den Beinen. Im Norden schien der Weg in einen Park zu führen. Sam setzte sich in Bewegung, und lief in die Richtung, begleitet von dem lauten Gezwitscher zahlreicher Vögel.
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„Pass auf deinen Bruder auf, Dean! Rette Sammy. Wenn du ihn nicht retten kannst – töte ihn!“
Ruckartig erwachte Dean und saß kerzengerade und keuchend im Bett. Schweiß rann ihn über den Rücken und er brauchte einen winzigen Moment, um zu realisieren, wo er war. Das Bett neben ihm war leer. Dean fuhr sich durch die Haare und atmete tief ein. Seit Monaten nun quälten ihn die letzten Worte seines Vaters. Er schlief schlecht, war mürrisch und ständig am Grübeln, was Dad nur gemeint haben könnte. Wovor Sam schützen? Wieso töten? Er musste mit Sam darüber reden. ‚Sag Sam nichts davon!’ Die Stimme seines Vaters dröhnte erneut in seinem Schädel. Dean schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. Als wenn das so einfach wäre. Wieder warf er einen Blick auf das leere Bett neben sich. Sam musste schon vor einigen Stunden das Zimmer verlassen haben. Im ersten Moment war Dean Winchester froh, dass sein jüngerer Bruder mit seinen fragenden Blicken nicht da war. Aber wo steckte Sam?
Deans Blick fiel auf Sam’s Notebook auf dem Tisch. Der Rechner summte leise und die Internetseite des hiesigen Museum Of The First Nation war noch geöffnet. Möglicherweise war Sam schon unterwegs dorthin, um weitere Erkundigungen über diesen Indianerstamm einzuholen. Nach einem Blick auf seine Armbanduhr – 6 Uhr morgens, verdammt! – verwarf er diese Erklärung wieder. Dafür war es viel zu früh. Der Impala-Schlüssel lag noch auf dem kleinen Nachtschrank. Sam musste also zu Fuß unterwegs sein. Sams Jeans und Hemd lagen fein säuberlich zusammengelegt auf dem Stuhl. Dafür waren die ausgetretenen Laufschuhe verschwunden. Dean wusste nun, dass sein Bruder joggen war. Die kleine Nervensäge war ein Frühaufsteher. Aber über das wortlose Verschwinden mussten sie noch einmal sprechen.
Dean kämpfte die aufkommende Besorgnis um seinen Bruder zusammen mit den letzten Traumfetzen nieder, schwang sich aus dem Bett und beschloss, eine Dusche zu nehmen und sich danach um Kaffee zu kümmern. Sam würde sicherlich bald zurück sein.
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Der jüngere Winchester war seit gut einer Stunde unterwegs. Seine Muskeln hatten sich gelockert, Sam hatte sein Lauftempo gefunden und den Park, der sich überraschender Weise doch mehr als Wald herausstellte, erreicht. Er genoss die würzige frische Luft und spürte, wie die Lebensgeister in ihn zurückkehrten. Seine Gedanken kehrten zu den am gestrigen Abend vor ihrer Nase verschwundenen Pick-Up zurück. Es musste dafür eine logische Erklärung geben. Eventuell hatten sie ja doch etwas übersehen. Vielleicht war es ratsam, heute noch einmal an die Stelle zurückzukehren und bei Tageslicht nach Spuren zu suchen.
Sam hing seinen Gedanken nach, ohne jedoch seine Umgebung dabei zu ignorieren. Dad’s Erziehung zur Aufmerksamkeit war ihm zur zweiten Natur geworden. Und so stoppte er seinen Lauf, als ihm schlagartig bewusst wurde, dass die noch eben laut zwitschernden, kreischenden Vögel keinen Laut mehr von sich gaben. Etwas hatte sie verstummen lassen. Sam spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Wegen eines anderen Läufers würden die Vögel sicherlich nicht einfach mit ihrem morgendlichen Krach aufgehört haben. Seine Augen suchten jeden Winkel ab. Es war niemand zu sehen. Alles schien normal. Sein Puls beschleunigte sich.
Nichts war normal! Jemand – oder etwas – war in der Nähe. Sam spürte es. Verdammt, er hatte seine Taurus PT-92 nicht mitgenommen. Wohl aber das kleine scharfe Messer, was wie immer an seinem rechten Schienbein in dem dafür angebrachten Halfter steckte. Die Berührung des kalten Stahls beruhigte Sam etwas. Er atmete tief durch. Er war jetzt knapp 50 Minuten gelaufen. Sein Orientierungssinn sagte ihm, dass er einen Bogen gelaufen war, und er schätzte, dass er noch etwa 20 Minuten im raschen Trab benötigen würde, um das Motel zu erreichen. Langsam und noch immer misstrauisch seine Umgebung beobachtend setzte er sich wieder in Bewegung, darauf bedacht, bei der kleinsten wahrzunehmenden Bewegung Deckung zu suchen.
Plötzlich: Ein Knurren. Sam drehte den Kopf in die Richtung, aus der der Laut kam. Vor ihm stand, wie aus dem Nichts aufgetaucht, ein gigantischer Wolf und versperrte Sam den Weg.
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