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5. Kapitel

Ungeduldig blickte Dean auf seine Armbanduhr. 7 Uhr, und Sam war immer noch nicht zurück. Missmutig stellte er seine Tasse in die Spüle und starrte auf sein Handy. Als er die Wahlwiederholungstaste drückte, meldete sich zum 3. Mal Sams Mobilbox. „Verdammt, Sam, wo zum Henker steckst du? Melde dich!“. Dean ließ das Motorola zuschnappen und tigerte zum Fenster. Doch so oft er an diesem frühen Morgen auch hinausblickte, von seinem Bruder war nichts zu sehen. Langsam gesellte sich zu seiner Besorgnis um Sam auch Wut. Wie sollte er auf seinen kleinen Bruder aufpassen, wenn der ohne ein Wort verschwand? Der konnte was erleben, wenn er wieder auftauchte!

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Sam schätze seine Lage ein. Nur mit dem Taschenmesser bewaffnet und mit seinem rechten Arm im Gips, würde er gegen einen ausgewachsenen Wolf kaum eine Chance haben. Vorsichtig trat Sam einen Schritt zurück und suchte an einem Baum Rückendeckung, ohne dabei das Tier aus den Augen zu lassen.

Die großen gelben Augen verfolgten jede seiner Bewegungen, der Wolf knurrte und fletschte die Lefzen, kam aber nicht näher.

Sam konnte keine Anzeichen von Tollwut an dem Wolf erkennen, war sich aber nicht sicher, ob das nun gut oder schlecht für ihn war. Wieder verfluchte er sich im Stillen selbst, ohne seine Taurus das Motelzimmer verlassen zu haben. Er musste sich endlich eingestehen, dass es für ihn kein normales Leben zu geben schien und die Gefahren jederzeit auf ihn lauerten. Ganz langsam zog Sam das Messer aus dem Halfter an seiner Wade.

„Gut, komm schon du Mistvieh. Ich werde es dir nicht einfach machen!“ zischte er dem Wolf zu, was dieser nur mit einem weiteren Knurren quittierte.

Plötzlich durchfuhr Sam der erste Schmerz wie ein Messerstich. Sam stöhnte auf. Übelkeit erfasste ihn. Er kniff für einen Moment die Augen zusammen und griff sich an seinen Kopf. Die nächste Schmerzwelle lies ihn in die Knie gehen. „Nicht jetzt. Verdammt. Nicht jetzt!“ murmelte er, aber es hatte keinen Sinn. Sam Winchester hatte keinen Einfluss auf die Visionen, und wann sie ihn heimsuchten. Er umfasste den Griff des Taschenmessers fester und zwang sich, die Augen wieder zu öffnen. Wenn er jetzt das Bewusstsein verlor, würde der Wolf leichtes Spiel haben. Verbissen kämpfte Sam gegen Übelkeit und Kopfschmerzen an, aber er hatte keine Chance. Der Wolf stand noch immer regungslos vor ihm. Dann schien er sich zu verdoppeln und der Wald inklusive Wolf zersplitterten mit der nächsten Schmerzwelle in Sams Kopf, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor und in die Vision stürzte.

Er sah ein Krankenzimmer. Das Krankenzimmer von Sandro Mendorra. Die digitale Wanduhr zeigte kurz vor Mitternacht. Der Indianer atmete gleichmäßig, er schlief. Plötzlich trat ein Schatten an das Bett und eine schwarze Feder segelte auf den Schlafenden herab. Sandro wurde unruhig, fast schien es, als würde er gleich aufwachen. Seine Augenlider zuckten. Ein Singsang in einer Sam unbekannten Sprache erklang und das unfertige Tattoo auf der Stirn des Jungens begann zu glühen. Sandro stöhnte gequält auf, erwachte aber nicht. Der Singsang wurde eindringlicher und lauter, beschwörender. Sandros Hände verkrampften sich. Endlich riss er die Augen auf und ein stummer Schrei entrang sich seiner Kehle. Dann sank er leblos tiefer in die Kissen und sein Kopf fiel zur Seite. Aus seinen Augen und  Ohren tropfte Blut. Sandro war tot. Das Tattoo auf seiner Stirn war verschwunden.

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Wenn Dean schon tatenlos rumsitzen und auf seine kleine Nervensäge warten musste, konnte er die Zeit auch sinnvoll nutzen und sich um die Wäsche kümmern. Entschlossen sortierte er die Schmutzwäsche aus seiner Tasche und warf sie aufs Bett.

Gerade als Dean Sams schmutzige Klamotten zu seinem eigenen Stapel hinzufügte, stürmte Sam in das Motelzimmer und ließ die Tür ins Schloss fallen. Keuchend und sichtlich erschöpft lehnte er sich kurz an die Wand und rang nach Atem.

Deans Besorgnis verwandelte sich schlagartig in Wut. Gerade wollte er mit einer geharnischten Strafpredigt beginnen, als Sam auch schon zum Fenster sprintete und vorsichtig die Gardine beiseite schob, um die Straße zum Park in Augenschein zu nehmen, sorgsam darauf bedacht, dabei nicht bemerkt zu werden.

„Okay, was ist los?“ wollte Dean wissen und behielt die harten Worte für sich. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Normalerweise benahm sich sein Bruder nach seinen Joggingausflügen nicht so merkwürdig.

„Ich hab keine Ahnung, aber irgendwas Seltsames geht hier vor“ antworte Sam, ohne den Blick von der Straße zu wenden. „Ich wurde verfolgt“.

„Verfolgt? Von wem? Komm schon Sam, rede endlich mit mir!“ forderte Dean, und trat zu seinem Bruder an das Fenster.

„Nicht von wem, von WAS!“ Sam ließ die Gardine zurückfallen. Auf der Straße war niemand zu sehen, alles war ruhig.

Dean betrachtete seinen Bruder genauer. Sam sah erschöpft aus und zwar mehr, als das der Grund in seinem üblichen Laufpensum zu suchen wäre. In Sams Stirn waren tiefe Furchen gezogen, für Dean mittlerweile untrügliches Anzeichen dafür, dass sein kleiner Bruder wieder von einer Vision heimgesucht worden war. Er fasste Sam an den Schultern und bugsierte ihn zu einem Stuhl.

„Setz dich erst mal, und dann erzähl endlich, was überhaupt los ist.“ verlangte Dean, ohne seinen Bruder aus den Augen zu lassen. Sams Visionen verkomplizierten meistens ihren Job. Was hatte der Motorradunfall mit dem Gelbäugigen zu tun? Wieder stiegen Unruhe und Besorgnis in ihm auf.

Dean schob seinem Bruder ein Glas mit kaltem Wasser hin und Sam trank gierig. Langsam beruhigte sich Sams Atem und er begann von den Vorfällen des Morgens zu berichten.

„Da war plötzlich dieser Wolf …“

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Dean hatte Sams Bericht aufmerksam zugehört und sich mit vorwurfsvollen Kommentaren zu Sams wiederholter Unvorsichtigkeit zurückgehalten. Darüber würden sie später sprechen.

Sam hatte von der Vision berichtet und schwieg nun. In seinem Gesicht arbeitete es. Wie passte das nur alles zusammen? Der Motorradunfall von Sandro Mendorra, die Vision und der Wolf? Es musste einen Zusammenhang geben! Sam schüttelte den Kopf und sah seinen Bruder verwirrt an.

„Was war dann?“ hakte Dean nach. „Was geschah mit dem Wolf?“

Sams Augen wurden noch nachdenklicher und er senkte seinen Blick wieder auf das Wasserglas, ohne es wirklich zu sehen. Was dann geschehen war, war noch merkwürdiger, und Sam fürchtete plötzlich, dass ihm seine Erinnerungen betrogen.

„Ich wachte auf, weil …. der Wolf mir das Gesicht ableckte.“ fuhr er mit seinem Bericht fort.

Dean hob überrascht die Augenbrauen. „Er hat was?“

„Er hat mich nicht angegriffen, Dean. Als ich aufwachte, stand der Wolf direkt über mir und schlapperte mir übers Gesicht.“ Sam fuhr sich mit der uneingegipsten Hand durch die Haare und begann zu lachen. „Ich habe keine Ahnung warum, Dean, aber er hat mir nichts getan. Er sah mir direkt in die Augen … und lief dann einfach fort. Er war im nächsten Moment genau so spurlos verschwunden, wie er vorher aufgetaucht war.“

Dean warf einen skeptischen Blick auf Sam, ob dieser ihn nicht vielleicht doch gerade auf den Arm nahm. Aber im Gesicht seines jüngeren Bruders erkannte er nur seine eigene Ratlosigkeit wieder. Sie mussten schleunigst an Fakten über diesen seltsamen Fall kommen.

„Also gut, Kevin. Wie sieht dein Plan aus?“ seufzte Dean.

„Nach der Vision wird um Mitternacht mit Sandro etwas geschehen, also sollten wir vorher dort sein. Bis dahin können wir noch in dem Museum Erkundigungen einziehen und nach Mr Mendorras mysteriöses Verschwinden forschen. Vielleicht finden wir ja jetzt bei Tage mehr Spuren. Ein Pickup kann nicht einfach verschwinden!“ schlug Sam vor.

„Okay, dann sollten wir uns trennen. Du übernimmst das Museum, ich den verschwundenen Pickup, es sei denn, du willst noch eine Runde mit dem Wolf tanzen.“

Jetzt, wo die Aufgaben klar und verteilt waren, fühlte sich Dean besser. Endlich würde Bewegung in die Sache kommen, so hoffte er.

„Lass mich wenigstens noch duschen, bevor du mich im Museum absetzt!“

„Ja, du solltest wirklich eine Dusche nehmen, du stinkst nach Hund“ erwiderte Dean. „Soll ich dir Hundeshampoo besorgen?“

„Jerk!“ lachte Sam. Auch er fühlte sich jetzt wesentlich besser. Sie würden der Sache schon auf den Grund kommen.