Dean hatte seinen Bruder vor dem Gebäude des National Museums of First Nations in Calico abgesetzt und war zu der Stelle zurückgefahren, wo ihnen am Abend zuvor Mr Mendorras Pickup entkommen war. Der Tag war noch jung, kaum 10 Uhr, und doch kletterte das Thermometer bereits in schwindelerregende Höhen. Hitzewellen flimmerten über den Freeway. Der schwarze Impala war weit und breit das einzige Fahrzeug. Dean war froh, sich aus dem kleinen Diner, wo sie ein hastiges Frühstück zu sich genommen hatten, mit einigen Flaschen Wasser versorgt zu haben.
Er erreichte den markanten Felsen und parkte den Impala am Straßenrand. Bevor er auf den staubigen Wüstenboden hinaustrat, steckte er den verchromten Colt in seinen Hosenbund. Auch wenn kein einziges Lebewesen in der Nähe zu sein schien, wollte er besser kein Risiko eingehen. Der Ort mochte verlassen wirken, aber irgendetwas Seltsames ging hier vor. Dean spürte das in jedem Knochen und gewöhnlich konnte er sich auf sein Gefühl verlassen. Misstrauisch betrachtete er seine Umgebung. Die Ebene erstreckte sich über Meilen, im flimmernden Horizont verschwand irgendwo der Freeway in den blassen Silhouetten der Berge. Gigantische Felsformationen unterbrachen die Weite, wuchsen in seltsamen Gebilden in die Höhe und zwangen die Straße in übersichtliche Kurven. Wüstengras und ein paar Azaleen trotzten dem kargen Wüstenboden.
Der ältere Winchester ging langsam auf jenen Felsen zu, hinter dem Mendorras Pickup verschwunden und nicht wieder aufgetaucht war. Gut 15 Meter ragte der Stein in die Höhe, seine Form erinnerte Dean an eine Faust. Wenigstens würde er dort etwas Schatten finden. Die Sonne brach unbarmherzig auf den jungen Mann herab. Nur noch wenige Minuten, und die Hitze würde schier unerträglich werden. Er seufzte und beeilte sich, den Felsen zu erreichen. Trotz der wenigen Meter, die er zurücklegen musste, klebte sein Shirt bereits an seinem Körper und Schweiß rann ihn über den Nacken. Doch Dean hatte nicht vor, lange in diesem Wüstenloch zu versacken. Ein Pickup verschwand nicht einfach von der Bildfläche. Wenn es Spuren oder Hinweise gab, würde Dean Winchester sie finden.
Nach ein paar Minuten hatte er die vom Freeway abgekehrte Seite des Felsbrockens erreicht. Auf dem steinigen Boden waren nirgends mehr Spuren des Pickups zu erkennen. Aber das hatte er auch nicht erwartet. Ein Schatten huschte über den Staub und Dean hob seinen Kopf. Hoch über ihm, im wolkenlosen blauen Himmel, zog ein Adler seine Kreise. Mit der Hand strich Dean über den rauen Felsen. Und dann entdeckte er sie: dünne Einritzungen, kaum mit dem bloßen Auge zu erkennen, bedeckten eine große Fläche des Steines, verzweigte Linien und Formen, zu komplex, um eine zufälliges Ergebnis von Wind und Regen zu sein. Dean betrachte die dunklen Rillen im Felsen genauer. Ein Teil des Musters kam ihm bekannt vor, er hatte es vor kurzem schon einmal gesehen. Nachdenklich kniff er die Augen zusammen. Er kannte das Muster! Sandro Mendorras Tattoo!
Dean pfiff leise. Das würde Sam sicherlich brennend interessieren. Sandros Tattoo, so hatte Sam recherchiert, war noch unvollständig gewesen. Das Muster an dem Felsen war doppelt so groß, vielleicht war das hier das komplette Tattoo? Dean beschloss, das Felsentattoo für Sam zu fotografieren. Die digitale Spiegelreflexkamera musste noch im Kofferraum des Impalas liegen.
Wenige Minuten später hatte Dean die Canon geholt und noch einmal den kompletten Felsen umrundet, ob weitere Muster zu finden wären, doch nur auf der Nordseite, etwa auf Kniehöhe, wieß der Stein Zeichnungen auf, die er sorgfältig fotografierte. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass es fast 11 Uhr war. Über die Mittagszeit würde es hier unerträglich heiß werden. Es war sicherlich vernünftiger, jetzt in das Motel zurückzukehren und auf Sam zu warten. Wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn und er verspürte ein unbändiges Verlangen nach Wasser. Er war schon viel zu lange ungeschützt in der Hitze der Wüste unterwegs gewesen.
Dean trat aus dem Schatten des Felsens heraus und steuerte auf den abgestellten Impala zu, als er den Wolf erblickte. Das Tier versperrte ihm die letzten 20 Meter zu seinem Wagen. Dean griff sofort nach dem Colt, drückte aber nicht ab. Sekundenlang blickten sich Mensch und Wolf gegenseitig in die Augen. Das reglose Tier gab keinen Laut von sich und Dean Winchester begann sich zu fragen, ob der Wolf vor ihm nicht nur in seiner Einbildung existierte, ein Ergebnis der Hitze womöglich war.
„Na, wenn du mal nicht das kleine Hündchen bist, das heute mit Sam schon Bekanntschaft gemacht hat.“, rief Dean in Richtung Wolf. Der spitzte nur die Ohren, bewegte sich aber nach wie vor kein Stück.
„Komm schon, Wolf, geh aus dem Weg. Ich tu dir nichts, du tust mir nichts, und wir beide gehen ungeschoren unsere Wege“, führte Dean die einseitige Konservation fort. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, einfach abzudrücken. Noch immer rührte das Tier sich keinen Millimeter von der Stelle. Vielleicht würde ein Warnschuss den Graupelz in die Flucht treiben. Dean schoss, und Staub und Sandkörner spritzten knapp einen halben Meter neben dem Wolf in die Luft. Das Tier hob die Lefzen und schien zu grinsen, machte aber keine Anstalten, den Weg freizugeben. Langsam wurde Dean ungeduldig. Was war mit dem Vieh los? Sollte es nach dem Warnschuss nicht die Flucht ergreifen? Wo kam der Wolf überhaupt so plötzlich – wie aus dem Nichts! – her? War es vielleicht sogar tatsächlich der gleiche Wolf, den auch Sam beschrieben hatte?
„Hör zu, Wolf, verschwinde endlich, oder ich jag dir eine Kugel … „.
Noch bevor Dean den Satz beenden konnte, durchfuhr sein Bein ein beißender Schmerz. Was zum Henker …!? Dean sah zu Boden und erfasste mit einem Blick, was geschehen war. Eine Viper. Verdammt. Er fühlte, wie sich das Gift der Schlange bereits in ihm bemerkbar machte. Er musste den Impala erreichen, das Bein abbinden, um eine weitere Ausbreitung des Giftes zu verzögern, und Hilfe rufen. Ohne den Wolf aus den Augen zu lassen, den Colt noch immer im Anschlag, humpelte er vorsichtig aber entschlossen zu seinem Wagen. Noch 5 Meter. Dean konnte bereits den hellgrauen Rand in den Pupillen des Wolfes erkennen. Endlich trabte der Wolf langsam beiseite, dabei unablässig den Menschen mit den grauen Wolfsaugen fixierend. Dean spürte, wie das Gift der Viper sich in seinem Blutkreislauf auszubreiten begann. Gerade als seine Beine den Dienst versagen wollten, hievte er sich in den Impala und ließ sich auf die vordere Sitzbank fallen. Er keuchte schwer und noch mehr Schweiß rann ihn über den Rücken. Er zog den Gürtel seiner Jeans heraus und band das Bein am Oberschenkel ab. Schwindel ergriff ihn, er brauchte Wasser. Gierig griff er nach der Flasche, die er auf der breiten Vorderbank des Chevrolets deponiert hatte. Er nahm einen kräftigen Schluck des mittlerweile warmen Wassers und kippte sich den Rest über Kopf und Bein.
Noch immer stand der Wolf nur wenige Meter neben dem Impala und beobachtete das Schauspiel. Doch Dean Winchester hatte jetzt andere Probleme, als einen voyeuristischen Wolf. Wo steckte denn sein Handy, verdammt? Der Schwindel wurde schlimmer. Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Er musste Hilfe rufen. In diesem Zustand war er nicht mehr in der Lage zu fahren. Dean drohte, die Besinnung zu verlieren. Mit letzter Kraft fingerte er aus dem Handschuhfach sein Motorola und klappte es auf. Doch noch bevor er Sams Nummer wählen konnte, wurde ihm schwarz vor Augen. Das Handy glitt ihn aus den Händen und er sank kraftlos zur Seite. „Sam!“ Seine Stimme erstarb und Dunkelheit hüllte ihn ein.
Dean Winchester hörte nicht mehr, wie der Wolf ein lautes Heulen in den Himmel schickte und hinter dem Felsen spurlos verschwand.
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