Unbemerkt schloss sich Sam Winchester einer Gruppe von Schülern an, die ziemlich gelangweilt durch die immerhin klimatisierten Räume des National Museum of First Nation trabten und die Ausführungen des 60jährigen Führers weitestgehend ignorierten. Wie Sam erwartet hatte, umfasste das Museum zwar Ausstellungsstücke aus Kultur- und Alltagsleben des Mohawee-Stammes, jedoch begannen die geschichtlichen Aufzeichnungen meistenteils erst mit Beginn der Reservation. Über Sagen und Legenden der Mohawee-Indianer fand Sam so gut wie gar nichts. Als der alte Mann endlich die Teenager entließ, ergriff Sam seine Chance.
„Sie sind ein Mohawee?“, fragte er. „Oh, entschuldigen Sie. Mein Name ist Sam. Ich bin Student an der Santa Fee Universität und mein Referat behandelt die Mythen und Legenden der Mohawee.“, führte Sam rasch weiter aus, als ein misstrauischer Blick ihn taxierend traf.
„So, Sie sind also Student.“ Mehr erwiderte der Alte nicht, drehte sich um und schlurfte auf einen Büroraum am Ende des Ganges zu. Sein rechtes Bein zog er dabei etwas nach.
Sam folgte ihm und überlegte sich seine nächsten Worte. Wenn seine Vision vom frühen Morgen Recht behielt – und gewöhnlich geschah es meistens so, wie Sam es mit qualvollen Kopfschmerzen vorhersah – dann würde heute um Mitternacht Sandro Mendorra sterben. Das Tatttoo schien dabei eine wesentliche Rolle zu spielen.
„Vielleicht könnten sie mir helfen, Sir. Es geht um ein Tattoo. Um ein Mohawee-Tattoo.“
Der Alte hatte das Ende des Ganges erreicht und verharrte vor der schweren Holztür.
„Ein Mohawee-Tattoo?“, fragte er über seine Schulter ins Sam’s Richtung, bevor er die Tür aufschloss und in das Büro hinein trat.
Ein mächtiger Eichenschreibtisch in der Mitte des Raumes füllte diesen fast aus. Der Alte ließ sich auf einen ramponierten Schreibtischstuhl fallen.
„Ich denke schon. Ich habe eine Fotografie dabei, eventuell können Sie mir dazu etwas Genaueres sagen?“ hakte Sam nach und hatte bereits den Zeitungsausschnitt aus seiner Jackentasche hervorgekramt.
Der alte Mann griff nach einer Karaffe und füllte ein Glas mit Wasser, welches er Sam wortlos hinschob, bevor er sich selbst ebenfalls eines füllte. Dann betrachtete er lange den zerknitterten Ausschnitt von Sandro Mendorras Tattoo. Das Ticken der großen Standuhr bombardierte die knisternde Stille des Raumes.
„Meine Mutter war eine Mohawee.“, setzte der Alte plötzlich das Gespräch fort, und seine Stimme schien aus einer lange zurückliegenden Vergangenheit heraus in das Büro des Museumführers zu wehen. Seine knochigen Finger umklammerten das kühle Glas.
„Ja, das ist ein Mohawee-Tattoo. Merkwürdige Geschichte, die da mit Sandro passiert ist.“
„Sie kennen den Jungen? Was genau ist geschehen?“
„Wir alle haben von dem … Unfall … gehört. Wenn es überhaupt ein Unfall war.“, setzte der Alte fort. „Gerüchte gibt es viel, aber einem Mischblut wie mir erzählt man natürlich nicht alles. Und schon gar nichts was die Stammesgeheimnisse betrifft!“. Jahrzehntelange Verbitterung lag in den anklagenden Worten des alten Mannes und Sam begann zu erahnen, woher diese rührte.
„Wissen Sie etwas über dieses Tattoo?“
Noch einmal betrachtete der alte Mann die Fotografie und kratzte sich nachdenklich an den Bartstoppeln. „Ich habe dieses Tattoo schon einmal gesehen, an einem anderen Jungen. Das ist jetzt 50 Jahre her, aber ich bin mir sicher, es ist das selbe.“
„Was können Sie mir über die Bedeutung sagen?“ hakte Sam mit sanfter Stimme aber energisch nach. Die Zeit lief ihm davon. Wenn der Alte etwas wusste, dann musste Sam es erfahren.
„Niemand spricht über diese Art von Tattoos. So viel ich weiß, gibt es in jeder Generation nur einen, der dieses Tattoo in einer streng geheimen Zeremonie erhält. Es gibt da eine Legende … „
„Eine Legende? Was wissen sie darüber?“, Sam konnte seine Ungeduld kaum unterdrücken. Das war die erste wirklich heiße Spur. Legenden enthielten oft mehr Wahrheiten, als nur ein winziges Körnchen.
„Folgen Sie mir!“, forderte der Alte Sam auf.
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Minuten später genoss Sam die Stille und Atmosphäre einer kleinen Bibliothek, die dem National Museum of First Nation angeschlossen war und in die der Museumsführer Sam begeleitet hatte. Dort übergab er den jungen Mann an eine korpulente Bibliothekarin, die er als Nancy vorstellte. Sam Winchester hatte sein Lächeln aufgesetzt, sich wiederum als Student ausgegeben, der für ein Referat recherchieren würde. Nancy hatte ein paar ältere Bücher und Zeitungen herbeigeschleppt und dann Sam sich selbst überlassen.
Staubstrahlen fielen durch ein großes Fenster, es roch nach Holz und altem Papier, Bohnerwachs und Kaffee. Büchereien und Museen waren Orte, an denen er sein jetziges Leben als Jäger fast ausblenden konnte. Fast, bis er sich wieder den Büchern, Folianten und Zeitschriften vor ihm auf dem Tisch zuwandte. Die Geschichte der Mohawee-Indianer.
Es dauerte nicht lange bis er in einer Art Tagebuch auf einen ersten Ansatzpunkt stieß. Ein Missionar hatte seine Reiseerlebnisse niedergeschrieben, unter anderem auch seine Eindrücke bei dem Mohawee-Stamm, die ihn damals halb verdurstet aus der Wüste retteten und bei denen er die nächsten 18 Monate verbrachte. Der Missionar hatte auch in säuberlicher, bereits leicht verblassender Tintenschrift Zeichnungen hinterlassen, von der Landschaft, von vereinzelten Personen und auch von jenen geheimnisvollen Linien, die Sandros Stirn schmückten. Sam überflog hastig die Einträge des Missionars unter der Tattoo-Zeichnung:
4. März 1845: Eine ungewöhnliche Ruhe liegt über dem Dorf, etwas scheint heute vorzugehen. Der Stammesführer, der mich sonst mit freundlicher Neugier regelmäßig in sein Tipi einlud, ließ sich heute kaum sehen. Auch die Frauen scheinen verschwunden. Ich kann nicht mehr tun, als hier zu sitzen und abzuwarten, was das alles zu bedeuten hat.
Der Vollmond ist aufgegangen. Nur vereinzelt flackern Feuer. Das Dorf scheint verlassen. Ich habe einen Verdacht, wohin die Dorfbewohner verschwunden sind. Es muss etwas mit dem Wolfsfelsen zu tun haben. Ich habe das stumme Mädchen gesehen, das mit seinem Großvater in Richtung Wolfsfelsen verschwand. Auch ihr Bruder war dabei. Ich schlich mich heimlich hinterher, neugierig, was das alles zu bedeuten habe.
Die nächsten Seiten in dem Tagebuch waren herausgerissen. Die Einträge begannen erst wieder mit dem 6. März 1845, waren chaotisch und in hektischer Schrift niedergeschrieben. Etwas musste den gottesfürchtigen Mann in Panik und Entsetzen versetzt haben, sogar noch Tage danach:
Mit Gottes Hilfe bin ich den schrecklichen Ereignissen entkommen. Es sind Heiden, die mit Dämonen und Geistern im Bunde stehen. Mein Verstand wollte nicht glauben, was meine Augen sehen mussten. Guter Gott im Himmel, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde jeden der Ketzerei bezichtigen, der auch nur andeuten würde, dass so etwas möglich ist. Sie haben den Jungen gezeichnet und das Mädchen den Wölfen überlassen! Es sind Barbaren! Ich habe den Erzbischof informiert. Die Kirche darf und kann nicht tatenlos zusehen, wie diese Heiden länger das Böse über die christliche Welt heraufbeschwören! Es muss dem Einhalt geboten werden.
Sam fuhr sich nachdenklich durch die Haare. Sein Instinkt sagte ihm, dass er auf der richtigen Spur war. Die ganzen Geschehnisse – damals wie heute – mussten etwas mit diesem Tattoo und dem Ritual am Wolfsfelsen zu tun haben. Dean und er würden dort weitere Antworten finden. Bei dem Gedanken an seinem Bruder sah Sam auf das Display seines Blackbarry. Die digitale Uhr blinkte ihm entgegen: Kurz vor 1 Uhr Mittag. Dean hatte ihn vor über 3 Stunden im Museum abgesetzt und sich bisher nicht mehr bei Sam gemeldet. Er musste mittlerweile längst wieder von dem Trip zu dem Felsen zurück sein.
Sorge kroch in Sam hoch. Dass er schon einmal die Zeit in Museen und Bibliotheken vergaß, kam vor. Meistens waren es dann die drängenden Anrufe seines großen Bruders, die ihn in die Gegenwart zurückholten. Dean sollte längst angerufen haben. Sam tippte die Kurzwahl seines Bruders in die Tastatur. Er lauschte auf das leise Tuten an seinem Ohr, das ihm anzeigte, dass Deans Motorola eingeschaltet war und klingelte. Doch sein Bruder ging nicht an sein Handy, was ungewöhnlich genug war. Mit jeder Sekunde, die verstrich, verdoppelte sich Sams ungutes Gefühl. Etwas musste geschehen sein. Sam überlegte bereits, wie er am schnellsten zu einem Fahrzeug kam, um Dean zu suchen, als das Klingeln unterbrochen wurde. Sam presste sein Handy fester an sein Ohr: „DEAN?“
Rauschen antwortete ihm gefolgt von einer unbekannten Stimme:
„Sie sollten herkommen. Ihr Bruder ist bei uns. Beeilen Sie sich. Gehen sie zu der Bibliothekarin, sie wird Sie zu uns bringen!“. Noch bevor Sam weiter nachfragen konnte, wurde das Telefonat beendet.
Sam sprang von seinem Platz auf und schaute sich um. Nancy stand an dem kleinen Tresen und forderte ihn winkend auf, zu ihr zu kommen. Sam Winchester ließ noch unbemerkt die Aufzeichnungen des Missionars in seiner Jackentasche verschwinden, bevor er sich der korpulenten Frau zuwandte, die bereits mit einer kaum vermuteten Flinkheit zur Tür gehuscht war und dort auf den jüngeren Winchester wartete.
„Ich bringe sie zu ihrem Bruder“, flüsterte sie Sam zu, als der sie erreicht hatte und fragend auf sie herunter blickte. Noch bevor er Nancy mit Fragen bombardieren konnte, legte sie ihre Finger auf ihren Mund und bugsierte Sam zu einem klapprigen Ford. „Ich erkläre ihnen was ich weiß im Wagen. Kommen Sie, schnell!“
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