Flammenzungen griffen nach dem 4-jährigen Jungen und er spürte bereits die Hitze auf seiner Haut. Dean wollte schreien, aber er brachte kein Wort über seine Lippen, presste den zappelnden Sammy nur noch fester an sich. Dann stolperte er nach draußen und erstarrte vor dem brennenden Haus, unfähig, einen weiteren Schritt zu machen. Entsetzen und Angst lähmten ihn.
Die Bilder wechselten. Wieder zuckten Feuerflammen, diesmal von der Decke von Sam’s Studentenwohnung. Die Flammen verschluckten bereits Jessica und Dean packte Entsetzen, so wie vor 22 Jahren. Er sah seinen Bruder, der geschockt auf seine brennende Freundin starrte. SAM! schrie eine Stimme in Deans Kopf … SAM!, brüllte Dean …
Bildwechsel. Erinnerungen an ein Krankenhausbett krochen in Dean Winchesters Kopf und die eindringliche Stimme seines Vaters flüsterte immer und immer wieder dieselben Worte: ‘Rette Sammy! Wenn du ihn nicht retten kannst – töte ihn!’ Dean Winchester konnte dem Befehl nicht entkommen.
Fieber schüttelte Deans bewusstlosen Körper, doch er erwachte nicht. Seine Augenlider zuckten und Schweiß rann ihn über das Gesicht. Unruhig drehte er den Kopf von einer Seite auf die andere. Dean kämpfte einen stummen Kampf gegen das Fieber ebenso wie gegen Dämonen in seinen Erinnerungen.
Eine schmale Mädchenhand legte behutsam ein kühlendes Tuch auf seine heiße Stirn und griff nach seinem Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Sanye saß jetzt schon seit 2 Stunden am Bett des fremden Mannes. Sie hatte die Wunde am Bein versorgt und einen Verband angelegt. Ihr Großvater hatte ihm noch rechtzeitig das Gegengift eingeflößt, nun konnten sie nur noch warten und hoffen, dass der Unbekannte den unvermeidlichen Fieberkrampf überstand. Es musste einen Grund geben, warum die Wölfe sie zu ihm geschickt hatten, rechtzeitig. Wieder zuckte der Mann in dem Bett unter Qualen zusammen und keuchte schwer. Sanye summte eine beruhigende Melodie. Das Mädchen erahnte die Tiefen der seelischen Qual, die ihn zu zerreisen drohten. Beruhigend legte sie ihm die Hand auf die Brust und spürte, wie er sich langsam entspannte und ruhiger atmete. Sanye hoffte, dass er bald in einen befreienden Schlaf fallen würde, und noch einmal tauschte sie das kühlende Tuch gegen ein frisches aus.
Leise wurde die Tür geöffnet. Mr Mendorra trat zu seiner Enkeltochter und legte wortlos seine Hand auf ihre Schulter. Sanye’s graue Augen blickten in das Gesicht ihres Großvaters. Sie las die stumme Frage in seinem Antlitz und lächelte sanft, ohne ein Wort zu sagen.
Mendorra hatte den Verletzten sofort erkannt, als sie ihn am Felsen in seinem Wagen fanden. Es war der junge FBI-Agent aus dem Krankenhaus, der das Wort “Jäger” auf so eigentümliche Art und Weise betont hatte. Normalerweise ging Mendorra dem FBI – und Behörden generell – aus dem Weg. Sie verstanden die Kultur der Mohawee nicht und würden sie niemals begreifen. Der Alte war es gewohnt, für sich, seine Familie, ja für den ganzen Stamm die Entscheidungen zu treffen, so, wie es seine Familie immer getan hat, auf ihre Art und Weise, nach ihren Traditionen, ohne sich vor Weißen zu rechtfertigen.
Doch diese beiden jungen Männer, die sich im Krankenhaus als Bundespolizisten ausgegeben hatten, waren anders, als die Polizisten, mit denen er möglichst jeden Kontakt vermied. Etwas unterschied sie, das spürte der Alte. Konnte es möglich sein, dass sie ebenfalls auserwählt waren? Weiße, die um die Geheimnisse wussten? Mendorra schaute auf den jungen Mann mit den kurzen Haaren, der endlich in einen traumlosen Schlaf gefallen zu sein schien, jedenfalls atmete er jetzt gleichmäßig und das Fieber schien zu sinken. Er war stark, er würde den Vipernbiss überstehen. Auch der alte Mann ahnte, dass der Fremde andere – schlimmere – Dämonen in sich bekämpfte, als nur das Gift der Viper in seinem Blutkreislauf. Mendorra hatte es in den schmerzvoll verzerrten Gesichtszügen des jungen Mannes gelesen, und dieser Schmerz rührte weniger von dem Fieberwahn, der ihn schüttelte.
“Der andere wird gleich hier sein, Nancy bringt ihn her.”, beantwortete er die unausgesprochene Frage seiner Enkeltochter. Er hatte entschieden, mit den unbekannten Weißen zu reden. Sanyes ununterbrochenes Summen legte sich wie ein beruhigender sanfter Hauch auf das Zimmer und die Menschen darin. Dean Winchester war endlich eingeschlafen.
~~~~~~~~~~~~~~
Entgegen Nancys geflüsterter Versprechung erfuhr Sam kaum etwas, was mit seinem Bruder geschehen war. Er hatte neben der kleinen Frau auf dem Beifahrersitz des klapprigen Fords Platz genommen und musste sich beherrschen, um sie nicht an den Schultern zu packen und zum Reden zu zwingen. Nancy konnte kaum über das Lenkrad schauen und ließ sich durch Sams Ungeduld nicht aus der Fassung bringen. Seine durchdringenden Blicke hatte sie an einem beruhigenden Lächeln abprellen lassen. Gemächlich – so schien es Sam – kroch der alte Wagen aus der Stadt.
„Es ist nicht weit, nur ein paar Minuten außerhalb der Stadt. Ihr Bruder ist bei Mendorra und seiner Enkeltochter. Er ist dort in guten Händen, glauben Sie mir.“ Nancys Stimme war ruhig und Sam konnte keine Spur von Panik in ihr feststellen.
„Woher wissen sie, dass er mein Bruder ist?“, fragte Sam und zwang sich, ruhig zu bleiben und seine Sorge um den älteren Bruder unter Kontrolle zu bringen. Doch vor Anspannung ballte er so schmerzhaft die Hände zu Fäusten, dass seine Finger anfingen zu kribbeln.
„Die Wölfe wissen es, und wir hören ihnen zu.“, antwortete Nancy, als wäre das die normalste Sache der Welt und keiner weiteren Erklärung bedürftig.
Sam runzelte die Stirn. ‚Die Wölfe wissen es!’. Was sollte das nun wieder bedeuten? Unwillkürlich dachte er an seine morgendliche Begegnung mit dem Wolf im Park. Einen Wolfsfelsen hatte auch der Missionar in seinem Tagebuch erwähnt.
„Eine Schlange hat Ihren Bruder gebissen, aber er wurde rechtzeitig gefunden. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Da sind wir schon … „
Sam und Nancy hatten nach knapp 15 Minuten Fahrt ihr Ziel erreicht. Eine riesige Staubwolke aufwirbelnd, parkte Nancy den Ford neben Mendorras Pick up vor einem verfallenden Holzschuppen. Sam entdeckte auch den schwarzen Impala. So schnell seine langen Beine es zuließen, sprang Sam aus dem Wagen. Mit einem raschen Blick prägte er sich seine Umgebung ein. Es war eine kleine Farm, am Rande eines winzigen Krüppelkiefernwaldes, die den östlich anschließenden Wüstenzungen der Mohawee-Steppe trotzten. In einer Koppel im Norden standen Pferde, Schafe und Ziegen. Vor dem einstöckigen Blockhaus, das noch aus dem 19. Jahrhundert stammte, war ein sorgsam gepflegter Kräutergarten angelegt. Sam folgte Nancy, die bereits in dem Hauseingang verschwand. Sein auf Details geschulter Blick entdeckte sofort die dünne Salzbarriere am Boden und die schwarzen schmalen Linien, die den Türbalken in skurrilen Mustern und Zeichen säumten.
Die dunkle Silhouette von Mr Mendorra erschien im Hausflur. Nancy drückte kurz die Hand des alten Indianers und nickte Sam zu. „Ich muss wieder in die Bibliothek. Ihr solltet euch in Ruhe unterhalten.“, fügte sie an Sam und Mendorra gleichermaßen gewandt hinzu, lächelte Sam noch einmal beruhigend zu und verließ das Haus. Sekunden später hörte Sam den Dieselmotor des Fords vom Hof tuckern. Mendorra hatte noch kein Wort gesagt, sondern musterte Sam mit einem durchdringenden Blick. Minutenlang sahen sich der alte Mann und Sam Winchester in die Augen, jeder für sich still abwägend, wann und wie viel er dem anderen Preis geben sollte.
Schließlich war es Sam, der das Schweigen brach. „Wo ist Dean?“. Alles andere konnte warten, Sam wollte zuerst seinen Bruder sehen.
Noch immer schweigend trat der Alte einen Schritt zur Seite und öffnete die Tür hinter sich. Sam zögerte nicht und zwängte sich an dem alten Mann vorbei in das Zimmer.
Ein hölzernes Bett mit weißen Laken füllte den Raum, davor stand ein bequem aussehender Ohrensessel, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Ein Tisch und zwei Stühle, ein schwerer Kleiderschrank und ein Bücherregal vervollständigten das Mobiliar. Dunkle Vorhänge verdeckten die zwei kleinen Fenster an der Südseite des Raumes und an der linken Holzwand baumelte ein überdimensionaler Traumfänger genau über der Kopfseite des Bettes. Sonst gab es keinerlei Schmuck, weder Fotografien oder Bilder, noch Waffen oder ausgestopfte Tierköpfe an den Wänden.
Für Sam war jedoch nur eines im Moment wichtig: Zu sehen, dass sein großer Bruder atmete.
Mendorras Enkeltochter hatte sich aus dem Sessel erhoben, als die beiden Männer das Zimmer betraten, und trat schweigend in den Hintergrund. Dieser Moment sollte dem jungen Mann gehören, dessen Sorge um seinen Bruder ihm förmlich in die Stirn geschrieben stand. Sanye verstand die Intensität dieser Beziehung zwischen den Brüdern, sie hatte sie gefühlt, als sie den fiebergeschüttelten Körper des Älteren berührt hatte.
Sam trat an das Bett und betrachtete den schlafenden Dean. Er atmete gleichmäßig und ruhig, seine Augenlider flatterten noch ein wenig, aber Sam schien es, als wenn Dean nicht mehr in Lebensgefahr wäre. Erleichterung durchströmte ihn; seufzend strich er sich mit der linken Hand durch die Haare. Es war wohl besser, Dean jetzt schlafen zu lassen. Sein Blick traf den des Mädchens, das wortlose beiseite getreten war und ihn jetzt neugierig musterte. Sam fiel wieder auf, wie hübsch sie war. Die langen dunklen Haare fielen weich um ihr schmales Gesicht, sie trug Jeans und ein einfaches blaues Shirt, das die bronzene warme Farbe ihrer Haut hervorhob. Sam erinnerte sich, dass er bei ihrer ersten Begegnung im Krankenhaus nicht die Farbe ihrer Augen gesehen hatte und nutzte jetzt die Gelegenheit, seine Neugier diesbezüglich zu stillen. Die Augen des Mädchens waren grau und sanft. ‚Wie die Augen eines Wolfes!, durchfuhr es Sam, und selbst überrascht von diesem Gedanken schüttelte er leicht den Kopf. Vielleicht täuschte ihn auch nur das dämmrige Licht.
Das Mädchen hatte Sams Blick Stand gehalten und ihrerseits den großen jungen Mann neugierig betrachtet. Er war kaum älter als sie, doch in seinem Blick hatten sich bereits Spuren von Verlust und Trauer eingeschlichen. Die feinen Grübchen an den Mundwinkeln verrieten, dass er auch gern lachte, und Sanye wünschte sich, dieses Lächeln einmal zu sehen.
„Danke, dass ihr euch um meinen Bruder gekümmert habt“. Sams Stimme war leise und seine Dankbarkeit war ehrlich. Sanye lächelte und ergriff seine linke Hand. Sam ließ es geschehen und spürte ihre glatte, kühle Haut auf der seinen. Das Mädchen schloss die Augen, reglos verharrend und Sams Hand noch immer in der ihren haltend, schien sie auf etwas zu lauschen. Dann überzog ein warmes strahlendes Lächeln ihr Gesicht und Sam lächelte unwillkürlich zurück. Er spürte, wie die letzte Besorgnis um Dean von ihm abfiel und Vertrauen ihn durchströmte. Er vertraute diesen Menschen. Sam konnte nicht sagen, warum er sich dessen plötzlich so sicher war, er wusste nur, es fühlte sich richtig an.
Mendorra räusperte sich und Sanye wandte sich wieder Dean zu. Sam überzeugte sich noch einmal, dass sein Bruder ruhig schlief, und folgte dann dem alten Indianer in die kleine Küche des Hauses. Es war Zeit, miteinander zu reden. Sam Winchester hatte einige Fragen.
~~~~~~~~~~~~~~~~
Mendorra hatte Kaffee gekocht und zwei Becher gefüllt, die jetzt auf dem klobigen Küchentisch dampfend vor ihnen standen. Mendorra hielt nicht viel von den so genannten kulturellen Errungenschaften der Weißen, doch auf die tägliche Tasse Kaffee mochte er nicht mehr verzichten.
„Wer seid ihr? Und erzähl mir nicht wieder diese FBI-Geschichte!“ forderte er Sam im ruhigen Ton auf.
Sam Winchester zögerte noch einen kurzen Moment. Die belehrenden Worte seines Vaters kamen ihn wieder in den Sinn, genau abzuwägen, ob und wem sie ihre wahre Identität offenbarten. Nach Möglichkeit sollte das family business geheim bleiben, wobei sich Sam sicher war, dass ihnen ohnehin nur die wenigsten Menschen Glauben schenken würden, würden sie ihnen von Geistern, Dämonen und verfluchten Gegenständen erzählen.
„Dean und ich sind Brüder, Jäger. Wir haben von Sandro Mendorras Unfall gehört, deswegen kamen wir her. Sein Tattoo fiel mir auf, es ist das halbfertige Tattoo eines Jägers. Wir untersuchen, wer – oder was – an dem Unfall von Sandro Mendorra Schuld gewesen ist.“ Sam sah den alten Indianer nachdenklich an und fuhr fort: „Wieso könnte jemanden – oder etwas – daran gelegen sein, Ihren Enkelsohn zu töten?“
Mendorra nahm einen weiteren kräftigen Schluck aus seinem Kaffeebecher, und auch er schien mit sich zu ringen, wie viel er dem jungen Mann vor ihm von den Geheimnissen der Mohawee anvertrauen durfte.
„Sandro sollte ein Jäger werden, ja. Die Zeremonie findet in wenigen Tagen statt. Sie beruht auf einer uralten Legende und auf einem Abkommen mit einem anderen … Stamm.“ Der Alte hatte gezögert, bevor er von dem anderen Stamm sprach. Sam war das nicht entgangen.
“Mr Mendorra, Ihr Enkelsohn ist in Gefahr!”. Sams Worte waren leise, aber eindringlich.
Mendorra nickte und schloss kurz die Augen. Sorgenfalten zerknitterten das ohnehin runzlige Gesicht des Alten noch mehr. “Was wissen Sie über diese Gefahr?”. Mendorras eindringlicher Blick schien direkt in Sams Seele vorzudringen. Auch wenn seine Enkeltochter diesen beiden Männern vertraute, behielt der alte Mann einen Rest Skepsis und Misstrauen.
Letzte Kommentare