{"id":14442,"date":"2015-08-22T09:02:37","date_gmt":"2015-08-22T07:02:37","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=14442"},"modified":"2015-08-22T09:07:11","modified_gmt":"2015-08-22T07:07:11","slug":"schlampig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/schlampig\/","title":{"rendered":"Schlampig?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe lange \u00fcberlegt, ob und &#8211; wenn \u00fcberhaupt,\u00a0ob dann \u00f6ffentlich &#8211; \u00a0ich dar\u00fcber bloggen sollte, welcher Vorwurf mir\u00a0gestern von Chef gemacht wurde. Ich habe mich f\u00fcr das \u00d6ffentliche entschieden, nachdem ich mir die ganze Sache quasi eine Nacht lang durch den Kopf habe gehen lassen. Zum Verst\u00e4ndnis sollte ich aber von vorn beginnen:<\/p>\n<p>Freitage sind im Vormittagsb\u00fcro immer besonders arbeitsgeladen, jedenfalls in der Regel. Der gestrige Freitag machte keine Ausnahme, und noch holen wir ja die 2-Wochen-Urlaubszeit der Vollzeitkollegin\u00a0auf. Da bleibt eben vieles liegen, das ist einfach so und auch nicht\u00a0weiter tragisch.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte ich gute Laune, das\u00a0Vancouver-Shirt passt wieder besser und spannt nicht so und Freitage sind keine Trauertage, trotz der vielen Arbeit. Das Wochenende winkt bereits verf\u00fchrerisch.<br \/>\nIch lag gut in meiner pers\u00f6nlichen B\u00fcro-ToDo-List, die Buchhaltung war in den Akten bereits wieder eingetragen, nur noch nicht direkt gebucht, das wollte ich gern in Ruhe machen. Wichtiger waren die Diktate, einige eilige darunter, die am selben Tag m\u00f6glichst noch raus sollten. Alles normal &#8211; eigentlich.<\/p>\n<p>Als ich im Chef-B\u00fcro diesen nach einer bestimmten Akte fragte, die ich suchte und &#8211; wie immer &#8211; bei ihm noch\u00a0vermutete, entwickelte sich das Gespr\u00e4ch aber ganz pl\u00f6tzlich in eine andere Richtung.<\/p>\n<p>&#8222;Frau J., in letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass Sie schlampig geworden sind, vor allem, was die Buchhaltung betrifft!&#8220; warf er mir vor, und ich war auf diesen Vorwurf so gar nicht vorbereitet. Ich schluckte. Schlampig? Manchmal, in stressigen Zeiten, bin ich vielleicht schusselig, aber generell schlampig? Ich sagte nichts, h\u00f6rte erst einmal zu; aber innerlich ging ich bereits\u00a0in Abwehrstellung. Meine bis dahin gute Laune hatte sich schlagartig verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n<p>&#8222;Zum Beispiel hier in dieser Sache&#8220;,\u00a0sprach er weiter. Er hielt mir die\u00a0entsprechende Akte unter die Nase. &#8222;Sie schauen nicht\u00a0mehr den Kostenbogen an, sondern buchen wahllos einfach drauf los! Dabei h\u00e4tten Sie erkennen m\u00fcssen, dass das keine Geb\u00fchren sind!&#8220; Sein Finger pochte vorwurfsvoll auf den letzten\u00a0Eintrag im Aktenbogen.<br \/>\nIch schluckte und schaute genauer hin. Ja, kein Zweifel, die Eintragungen stammten von mir, und sie waren offenbar falsch.<br \/>\n&#8222;Wenn Sie, wie ich es Ihnen angewiesen habe, immer in die Akte schauen w\u00fcrden, w\u00e4re das nicht passiert! Das ist hochgradig peinlich, dass dieser Geldeingang falsch verbucht wurde. Das sind keine Geb\u00fchren, das geh\u00f6rt dem Mandanten; das h\u00e4tten Sie erkennen m\u00fcssen, wenn Sie sich die Zeit genommen h\u00e4tten, in die Akte zu schauen. Ich kann schlie\u00dflich nicht\u00a0alles \u00fcberpr\u00fcfen!&#8220; fuhr er fort. &#8222;Das ist einfach nur schlampig!&#8220;<br \/>\nIch stand mit knallrotem Kopf neben Chef und starrte auf den Aktenbogen mit den falsch verbuchten Geb\u00fchren. Warum hatte ich das nicht erkannt? Jetzt, mit den Erkl\u00e4rungen Chef&#8217;s, sah ich es auch. Nat\u00fcrlich! Aber warum habe ich es nicht vorher erfasst? Ich stand schweigend wie ein gescholtenes Kind vor dem Schuldirektor, konnte nichts sagen. &#8218;Nur nicht weinen!&#8216; kreischte es in meinem Kopf. Deswegen heult man doch nicht!<br \/>\nChef erkl\u00e4rte weiter, wie peinlich ihm die Sache war, als er dem Schuldner eingestehen musste, dass nat\u00fcrlich die Sache l\u00e4ngst gezahlt war. Ich h\u00f6rte kaum zu, sondern versuchte zu rekapitulieren, warum ich diesen Geldeingang als Geb\u00fchren und nicht richtiger Weise als Fremdgeld verbucht hatte. Ich ergattete die Akte und bl\u00e4tterte darin, und fand den Kostenfestsetzungsantrag \u00a0mit genau dem\u00a0eingegangenen\u00a0Betrag! Ja, richtig! Mir fiel es wieder ein! Nat\u00fcrlich schaue ich in die Akten, auch in den Aktenbogen; und ich hatte bei dieser Buchung sicher nicht aus dem Bauch heraus entschieden, die Zahlung als Geb\u00fchren zu verbuchen. Ich war mir schlicht sicher gewesen, dass es auch Geb\u00fchren waren!<br \/>\nNoch immer konnte ich nichts sagen, sondern schlich wieder aus dem Chef-B\u00fcro, seine Ermahnung noch in den Ohren, jetzt aufmerksamer zu buchen!<\/p>\n<p>Ab da an zog sich mein Freitagvormittag. Er wollte einfach nicht\u00a0vorbei gehen. Ich arbeitete meinen Kram ab, still, sehr still. Es fiel auch schon S. auf, die gar nicht\u00a0mitbekommen hatte, wie mir gerade der Kopf gewaschen wurde.<\/p>\n<p>&#8218;SCHLAMPIG!&#8216; hallte es immer wieder durch mein Gehirn. War ich schlampig geworden?<\/p>\n<p>Nein, war ich nicht!\u00a0Fehler passieren, davon ist niemand frei. Doch in dieser bestimmten Sache habe ich den Fehler gar nicht als Fehler erkannt! Ich war bei der Buchung nicht eine Spur unsicher gewesen, dass es sich m\u00f6glicherweise <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> um Geb\u00fchren handeln k\u00f6nnte!\u00a0Aber jetzt bin ich unsicher! Wie viel &#8211; in anderen Akten &#8211; ist noch falsch gebucht worden?<\/p>\n<p>Andererseits: Wie oft &#8211; vor allem als ich die Buchhaltung vor 3 Jahren \u00fcbernahm &#8211; hatte ich Geldeing\u00e4nge vorsichtshalber in das Fremdgeldkonto gebucht, um erst mit Chef zu sprechen, was es denn nun genau w\u00e4re; Geb\u00fchren (die uns zustehen) oder eben Fremdgeld, das wieder ausgezahlt werden m\u00fcsse? Und wie oft war er einfach genervt und hielt mir eine\u00a0Predigt derart, dass ALLES erst einmal ihm geh\u00f6rt. Im Zweifel immer f\u00fcr den Anwalt!<\/p>\n<p>Der Freitag ging dann doch vorbei, ich tippte einfach wie besessen und achtete darauf, dass\u00a0ausschlie\u00dflich fehlerfreie Schrifts\u00e4tze in der\u00a0Unterschriftenmappe landeten.<\/p>\n<p>&#8218;Schlampig! Sie sind schlampig geworden!&#8216;<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdachte, um so\u00a0ungerechter kam mir der Vorwurf vor. Ja, ich hatte da einen Fehler gemacht, keinen\u00a0Fl\u00fcchtigkeitsfehler, sondern einen Verst\u00e4ndnisfehler. Meine gesamte Arbeit aber dann als &#8217;schlampig&#8216; zu beurteilen? Das traf! Ich bin nicht schlampig!<\/p>\n<p>Am Nachmittag, bevor mich das Couchkoma \u00fcberfiel, und auch am Abend im Bett dachte ich weiter dar\u00fcber nach. &#8218;Schlampig!&#8216; Das Wort schien sich in mein Gehirn festzubrennen. Aber mittlerweile hatte ich den Vorfall eingehend analysiert.<\/p>\n<p>Das Ergebnis:\u00a0Offenbar kam Chef gar nicht auf die Idee, dass ich einen Aktenvorgang nicht verstanden haben k\u00f6nnte. Seine unweigerliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr den aufgetretenen Fehler: Ich muss\u00a0schlampig gearbeitet haben, nicht bei der Sache gewesen sein.<br \/>\nIch arbeite jetzt seit 12,5 Jahren in der Anwaltskanzlei, seit 3\u00a0Jahren k\u00fcmmere ich mich um die Buchhaltung, um Chef zu entlasten. Gelernt habe ich B\u00fcrokauffrau, hatte von Anwaltskram zu Beginn nicht\u00a0den Hauch einer Ahnung; alles war neu. Auch die Buchhaltung machte mir erst gewisse Probleme, weil sie so aufgebaut ist, dass ein Nicht-Gelernter sich schnell zurechtfinden kann, wenn er nur wei\u00df, ob es sich um eine Ausgabe oder Einnahme handelt. Der in der Berufsschule mir eingebleute ewige Buchungssatz SOLL an HABEN stiftete da zu Beginn bei mir eher Verwirrung.<\/p>\n<p>Wie gehe ich jetzt damit um, dass Chef mein <em>anwaltliches Denken<\/em>\u00a0quasi f\u00fcr fehlerfrei h\u00e4lt und demzufolge Fehler, die passieren, auf <em>Schlampigkeit<\/em>\u00a0zur\u00fcckf\u00fchrt? Soll ich mit ihm sprechen?<br \/>\nWas ist besser, wenn er glaubt, ich arbeite schlampig, ohne zu ahnen, dass ich es (zumindest in dem Fall) einfach nicht besser wusste? Schlampigkeit kann man abstellen, Unwissen eher nicht &#8211; zumindest nicht, wenn dir niemand deine Fehler erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Ich muss\u00a0mit Chef also reden, am Montag, und ihm gestehen, dass es keine Schlampigkeit meinerseits\u00a0war, sondern Unwissen\/Unverst\u00e4ndnis. Und dass ich es f\u00fcr ungerecht halte, von einem gemachten Fehler auf die gesamte Arbeit zu schlie\u00dfen!<\/p>\n<p>Denn ich bin nicht schlampig &#8211; aber offenbar manchmal schlicht zu bl\u00f6d!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe lange \u00fcberlegt, ob und &#8211; wenn \u00fcberhaupt,\u00a0ob dann \u00f6ffentlich &#8211; \u00a0ich dar\u00fcber bloggen sollte, welcher Vorwurf mir\u00a0gestern von Chef gemacht wurde. 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