{"id":21738,"date":"2025-02-08T19:39:23","date_gmt":"2025-02-08T18:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/sajec.de\/blog\/?p=21738"},"modified":"2025-02-08T20:48:18","modified_gmt":"2025-02-08T19:48:18","slug":"frueher-war-alles-besser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/frueher-war-alles-besser\/","title":{"rendered":"Fr\u00fcher war alles besser!"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Mensch ist ein seltsames Wesen, eines, das sich erinnern kann. Und manchmal, eventuell sogar oft, ver\u00e4ndert sich diese Erinnerung, je mehr Zeit vergeht und je schwieriger gegenw\u00e4rtige Zeiten scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jugendzeiten hat wohl jeder in glorreicher Erinnerung, jedenfalls dann, wenn sie nicht von Leid, Mangel, Vertreibung und Unterdr\u00fcckung etc. gepr\u00e4gt war, sondern man \u2013 unter welcher Gesellschaftsform auch gerade \u2013 eben typisch jung sein konnte: Spa\u00df haben mit Gleichaltrigen, kleine und gro\u00dfe Dummheiten begehen, Freunde, mit denen man eine gute Zeit verbrachte, feierte, verreiste und sich \u00fcber die \u00e4ltere Generation aufregen konnte, gegen die man nat\u00fcrlich rebellieren wollte, weil man es ganz anders machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer vorausgesetzt nat\u00fcrlich, man geh\u00f6rt zu der \u201eMasse\u201c, die nicht vom herrschenden Staatssystem wegen Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Glauben oder Nicht-Glauben oder wen man liebt ausgegrenzt wurde. Wenn man also dazu geh\u00f6rte, dann war die Jugend, in welchem System nun auch immer, vermutlich unvergesslich und toll! Ob nun als Jungm\u00e4del, Hitlerjunge, Jungpionier oder Pfadfinder. Und wie viele haben sich damals, als 15 oder 16-J\u00e4hrige\/r schon ernsthaft mit Politik und wirtschaftlichen Systemen besch\u00e4ftigt oder diese hinterfragt?<\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch wird es meiner Meinung nach nun, wenn man von diesem nostalgischen Erinnerungsrosa nicht mehr differenzieren kann, was eben \u201efr\u00fcher\u201c nicht so \u201egut war\u201c. Man konnte sicherlich in der DDR leben, viele sogar gut, wenn man sich anpasste, nichts hinterfragte, mit dem Strom schwamm, die richtige Fahne schwenkte und keine Anspr\u00fcche stellte, wie zum Beispiel einmal Paris oder Hawaii sehen zu wollen. Nat\u00fcrlich konnte sich wohl jeder eine Wohnung leisten (wenn ihm oder ihr eine zugeteilt wurde), aber alle wussten auch, dass es mit den 20&nbsp;DDR Mark Monatsmiete nicht m\u00f6glich war, diese ordentlich in Stand zu halten. Offiziell hatten wir alle in der DDR eine Arbeit, jeder ging zur Schule, alle bekamen notwendige medizinische Behandlungen und einen Kindergartenplatz; und einmal im Jahr fuhr man in den Urlaub \u00fcber den FDGB.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich? Alle? Durfte die Klassenbeste aus meinem Jahrgang (Abschluss 10. Klasse im Jahr 1987) studieren? Nein, denn sie war nicht in der FDJ, sondern glaubte an den Typen, der da in der Kirche am Kreuz hing, zu dem man dann zu Weihnachten auch hinging, weil es so sch\u00f6n romantisch ist und ja dazu geh\u00f6rt. Aber studieren durfte sie nicht. Und die Jungs, die sich nicht f\u00fcr 3 Jahre NVA freiwillig verpflichteten, die durften doch bestimmt trotzdem das studieren, was sie wollten, oder? Oder die Familie, die den Ausreiseantrag stellte, weil sie sich eingesperrt f\u00fchlte?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht waren damals die Menschen trotzdem zueinander h\u00f6flicher, aufgeschlossener, solidarischer; aber auch nur vielleicht und sicherlich nicht immer und \u00fcberall. Als in unserem Dorf in den fr\u00fchen 1980er Jahren M\u00e4nner und Frauen aus Mozambique in eine verfallene ehemalige Fabrik einquartiert wurden, ging ein h\u00e4ssliches, neidisches Raunen durch das Dorf, das selbst ich als 11-J\u00e4hrige mitbekam: Wieso bekamen die Westgeld und hatten sogar Jeans, die es im \u00f6rtlichen Kleiderkaufhaus schon lange nicht mehr gab, und wenn, dann brauchte man Vitamin B oder kannte die Verk\u00e4uferin?<\/p>\n\n\n\n<p>Als 15-J\u00e4hrige fusselte ich mit meinen Klassenkameraden einen Tag aller 2 Wochen in der hiesigen Textilfabrik Badem\u00e4ntel ab: Die guten, wo jeder einzelne Fussel abgepfl\u00fcckt wurde, waren f\u00fcr den Westen bestimmt, die mussten unbedingt top sein. Ich h\u00e4tte gern einen gehabt, wo ich den kaufen k\u00f6nnte, fragte ich. Ich bekam nur ein Lachen als Antwort. Die weniger guten Badem\u00e4ntel und Handt\u00fccher, die mit kleinen Webfehlern zum Beispiel, wurden nur noch ausgesch\u00fcttelt, diese waren f\u00fcr den DDR Markt bestimmt. In den 3. Container kam der Rest, bei dem war es nicht mehr wichtig, ob der fusselfrei war; den bekam das russische Brudervolk.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater, Jahrgang 1926 und \u00fcberzeugter Kommunist, zerbrach an der Wende. Er hatte sein Leben lang gearbeitet und gek\u00e4mpft, daf\u00fcr, dass es dem einfachen Arbeiter und Bauern besser gehen sollte. Er \u00fcberlebte die Ostfront, glaubte an den Sozialismus, doch zerbrach an der Erkenntnis, dass auch die DDR-F\u00fchrung das Volk immer mehr belogen hatten, indem sie Wasser predigten und heimlich Wein tranken. Er konnte nicht glauben, dass man die Idee einer solidarischen Gemeinschaft, die zusammen in Frieden und Freiheit wirtschaftet und lebt, aus Eigennutz so verbiegen und verraten konnte. Er gab sein Parteibuch nicht wie viele 1989\/1990 zur\u00fcck, er glaubte weiter an die Idee des Sozialismus; aber der menschliche Egoismus und die pers\u00f6nliche Gier st\u00fcnden dieser Idee im Weg. Den Gauben an den Menschen hatte er verloren. Er starb 1992.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun lese ich hier in verschiedenen Kommentaren immer wieder, dass es fr\u00fcher so viel besser war in der DDR; und ich frage mich \u2026 Was wollt ihr genau zur\u00fcck? Nur eure sorglose Jugendzeit, eurer beschauliches Leben, frei von Verantwortung; weil es euch &nbsp;ja gut ging, also muss es ja gut gewesen sein, die DDR; zumindest nicht alles schlecht, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann schreit man heute &nbsp;nach einfachen L\u00f6sungen und w\u00e4hlt rechtsextreme, die euch die Schuldigen f\u00fcr die derzeitigen Probleme nennen. Fl\u00fcchtlinge! Klimasch\u00fctzer! Sie versprechen euch, dass ihr endlich wieder frei eure Meinung sagen k\u00f6nnt &#8211; was ihr in der DDR \u00fcbrigens nicht konntet und in einem von der AFD gef\u00fchrten Deutschland auch nicht (mehr!) tun werden k\u00f6nnt. Sie k\u00f6dern euch mit dem gro\u00dfen Wort Freiheit, aber sie meinen nicht eure Freiheit, sondern nur die der Reichen und Allerreichsten; die Freiheit, nichts mehr teilen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freiheit, die ihr jetzt habt, ist in Gefahr, und ihr postet wehm\u00fctige Kommentare, dass fr\u00fcher alles besser war, als es noch kein LGBTQIA+ gab, oder wokes Gendern, Klimaschutz, der dringender ist, als alles andere. Diese Freiheit, nach der ihr schreit, und die mit der AFD &amp; Co. Einzug halten wird, wird Freiheit einengen, Freiheit, die \u00fcber Jahre und Jahrzehnte St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck erk\u00e4mpft und erstritten wurde. Dann werdet ihr die Freiheit zu sp\u00fcren bekommen, die ein System hofiert, das keine Solidarit\u00e4t und keine Menschlichkeit kennt; in dem du weggeworfen wirst, wenn du nicht mehr n\u00fctzlich bist und nicht dazu geh\u00f6rst. Die Anf\u00e4nge sind l\u00e4ngst da, und es ist nicht nur hier bereits zu sehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich darf und soll man seine Kinder- und Jugendzeit in bester Erinnerung behalten, und es sei jedem geg\u00f6nnt, der eine solche erleben durfte und sich gern daran erinnert. Niemandem soll deswegen ein Vorwurf gemacht werden, wie niemanden einer jungen Frau einen Vorwurf machen soll, die 1934 eben jung war und das Jungsein genie\u00dfen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wenn es darum geht, eine \u00e4hnlich gute Erinnerung auch seinen Kindern und Enkelkindern zu gew\u00e4hrleisten, wenn ihr die Zeiten vergleicht und euren Standpunkt f\u00fcr das HEUTE und MORGEN festlegen wollt, dann nehmt doch die Nostalgiebrille herunter und bedenkt, dass Leben Ver\u00e4nderung hei\u00dft; und diese Ver\u00e4nderung sollte zum Wohl ALLER Menschen geschehen; und jeder kann seinen\/ihren Beitrag dazu beitragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mensch ist ein seltsames Wesen, eines, das sich erinnern kann. Und manchmal, eventuell sogar oft, ver\u00e4ndert sich diese Erinnerung, je mehr Zeit vergeht und je schwieriger gegenw\u00e4rtige Zeiten scheinen. 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