{"id":242,"date":"2010-01-30T17:25:08","date_gmt":"2010-01-30T16:25:08","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=242"},"modified":"2010-01-30T17:35:54","modified_gmt":"2010-01-30T16:35:54","slug":"indisch-telefonieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/indisch-telefonieren\/","title":{"rendered":"Indisch Telefonieren"},"content":{"rendered":"<p>Gleich nach dem 24. Klingeln meldete sich der diensthabende Polizeikommissar und fragte nach meinem Problem. Ich hatte ein Problem, ein ziemlich gro\u00dfes sogar, und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig wurde es mit jeder Stunde gr\u00f6\u00dfer und meine Fantasie trieb nerv\u00f6se Spielchen mit mir.<\/p>\n<p>\u201cGuten Tag, ich bin wohl eine ziemlich bescheuerte Angestellte, und ich habe Bl\u00f6dsinn verzapft!\u201d antwortete ich der Stimme am anderen Ende der Leitung. H\u00f6rte ich da ein unterdr\u00fccktes glucksendes Lachen?!<!--more--><\/p>\n<p>\u201cWorum geht es denn?\u201d fragte der Telefonpolizist und gab sich betont einf\u00fchlsam.<\/p>\n<p>Zum heute schon wiederholten Male schilderte ich mein katastrophales Vergehen:<\/p>\n<p>\u201cIch hei\u00dfe xxxxxxx, arbeite hier in Oldenburg in einer Firma und habe mich vor ca. 2 Stunden am Telefon wohl zu ausf\u00fchrlich unterhalten. Geschehen ist Folgendes: \u201c<\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr 2007, es ist Gr\u00fcndonnerstag, obwohl dieser Donnerstag in keinster Weise von anderen herk\u00f6mmlichen Donnerstagen abweicht, auch nicht in Farbnuancen. Einziger Unterschied, den man vielleicht gelten lassen k\u00f6nnte: die Osterferien standen vor der T\u00fcr, Karfreitag winkte und ein herrlich langes, faules, gem\u00fctliches Wochenende mit Ostereiern wollte endlich anfangen. Die Kollegen waren bereits gr\u00f6\u00dftenteils entfleucht, nur ich harrte noch auf die Ankunft des Botens, der mich von den letzten Briefen und P\u00e4ckchen befreien w\u00fcrde. Der Nachmittag tr\u00f6delte vor sich hin. Mental tr\u00f6delte ich genau so, als DER Anruf kam. Ich dachte noch: \u2018Welch merkw\u00fcrdige Nummer \u2026 0013\u2014\u2019 und meldete mich wie gewohnt.<\/p>\n<p>\u201cGutten Tak! Meine Name ist \u2026 (die zum Gl\u00fcck Frau nannte einen Namen, der sofort wieder in die ewigen Abgr\u00fcnde meines Vergessens entschwand). Wir sind eine Forschungsinstitut mit Sitz in Indien \u2026 (die Frauenstimme murmelte mantraartig einen sehr wichtig und ausl\u00e4ndisch klingenden Institutsnamen herunter, von dem ich, als sie am Ende angekommen zu sein schien, den Anfang bereits wieder vergessen hatte). In meinem Ged\u00e4chtnis h\u00e4ngen geblieben waren nur die Stichworte: \u2018Forschung, Statistik, Indien\u2019. Und das Gr\u00fcndonnerstag! Mir h\u00e4tte Schlimmes schwanen sollen, allein \u2026 ich war heiter und gel\u00f6st und mental bereits in den Osterferien; also warum sollte ich mich nicht mit einer netten Frau aus Indien unterhalten?<\/p>\n<p>\u201cWas wollen sie denn?\u201d fragte ich k\u00fchn und war nicht wenig gespannt, was nun kommen w\u00fcrde. Es kamen eine Unmenge an Fragen, ganz unverbindlich nat\u00fcrlich. Unsere Umsatzzahlen, Personaldichte, Zahlungsverhalten \u2026 die Fragen fingen relativ harmlos an, die Frau war freundlich und mir war langweilig. Und warum sollte ich nicht antworten, wenn ich gefragt werde? Irgendwo in meinem Hinterkopf mahnte jedoch schon eine Stimme: Sag nicht zu viel! Warum wollen die in Indien wissen, wie eine relativ kleine Firma hier in Deutschland ihre Tankrechnungen bezahlt? Ich \u00fcberh\u00f6rte einfach die mahnende Stimme im Kopf, drau\u00dfen schien einladend die Sonne \u2014 es ging mir gut. Erst, als die indische Aushorcherin sich expliziert nach der H\u00f6he unserer derzeitigen Barmittel erkundigte, konnte auch ich nicht mehr das Schrillen der metaphysischen Alarmglocken ignorieren. \u201cWieso will man denn das alles in Indien wissen?\u201d erkundigte ich mich bei der Frau und bekam als Antwort \u201czu Forschungszwecken, es w\u00fcrde sich um eine Untersuchung der EU handeln\u201d. EU in Indien? Der Teil meines Gehirns, der f\u00fcr geografische Zuordnungen verantwortlich zu sein schien, meldete sich mit einer quietschenden ERROR-Meldung.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrgte das Gespr\u00e4ch ab, verwies auf die eigentliche, nur leider momentan nicht mehr anwesende Auskunftsperson in dieser Angelegenheit und gab netterweise sogar noch dessen Telefondurchwahl bekannt. Dann legte ich den H\u00f6rer auf \u2026 und machte \u201cHm!\u201d. Was genau war jetzt eigentlich in den letzten 13,8 Minuten passiert? Was hatte ich alles ausgeplaudert? Welche Geheimnisse hatte ich jetzt nach Indien teleportiert? Mein Gehirn schnappte sich eine T\u00fcte Vorstellungskraft und begann hei\u00df zu laufen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst versuchte ich das karussellartige Kreisen meiner Gedanken unter Kontrolle zu bekommen und begab mich dazu nunmehr auch k\u00f6rperlich in den Feierabend. Nat\u00fcrlich nicht, ohne vorher noch einen Feierabend-plausch mit Gerhard (einem sehr netten Kollegen aus dem Nachbarzimmer) zu halten. Das Gespr\u00e4ch kam unweigerlich auf diesen merkw\u00fcrdigen Telefonanruf. Gerhard schaute mich nach einer Weile entgeistert an und fragte zum wiederholten Male: \u201cUnd du hast darauf immer geantwortet? Bist du eigentlich wahnsinnig?\u201d War ich wahnsinnig? Leichtsinnig! Ja, leichtsinnig bestimmt. Mit Bestimmtheit auch total bescheuert! Was hatte ich mir bei der ganzen Geschichte \u00fcberhaupt gedacht?! Nichts! Das war ja jetzt mein Problem! Ich hatte nicht nachgedacht! War es m\u00f6glich, dass Verbrecher mittlerweile auch Aufwand und Ertrag vor einem Diebstahl kalkulierten, indem sie vorher Umfragen starteten? W\u00fcrde jetzt eine indische Bande nach Oldenburg einreisen, um hier die Barkasse zu pl\u00fcndern? War ich dann schuld?<\/p>\n<p>Ich bat Gerhard fix nachzuforschen, ob im \u00dcntern\u00e4z herauszubekommen war, ob diese omin\u00f6se Nummer 0013 \u2026 tats\u00e4chlich bei den indischen Fakiren beheimatet ist. Er fand nichts, nur einen Forumseintrag \u00fcber dieses Thema, dass scheinbar keinem Land der Erde die L\u00e4ndervorwahl 0013 zugeordnet war. Woher zum Kuckuck hatte man mich angerufen?<\/p>\n<p>Was sollte ich jetzt nur tun? Einfach in die Osterferien entschwinden, den Anruf vergessen und hoffen, dass nichts passieren w\u00fcrde? W\u00e4hrend ich noch mit mir selbst rang, schlenderte der letzte anwesende Chef namens Michael heran. Und er sah wohl meiner st\u00e4ndig wechselnden Gesichtsfarbe an, dass irgendwas nicht stimmte. Ich rang mit mir. Dies war wohl meine letzte Chance, mich davonzuschleichen. Ich tat es nicht, sondern beichtete. Er fand es nicht lustig, warf mich aber auch nicht gleich raus!<\/p>\n<p>Wir einigten uns darauf, dass ich tats\u00e4chlich ein bissel bl\u00f6d war, das nun aber nicht mehr zu \u00e4ndern w\u00e4re, wir die Kassen vorsorglich leeren und demonstrativ leer f\u00fcr jeden &#8211; auch indischen &#8211; Einbrecher sichtbar auf den Schreibtisch deponierten. War ich danach beruhigt? Kaum! Meine Fantasie malte mit niedertr\u00e4chtiger Freude weitere Horrorszenarien an meine Gehirnw\u00e4nde: Bollywoodartig tanzende, dunkelh\u00e4utige und t\u00fcchertragende Ganoven pl\u00fcnderten die Firma (sangen die dabei schmalzige Lieder????); ich w\u00fcrde am n\u00e4chsten Arbeitstag anreisen und von der versammelten Belegschaft inklusive ALLER Chefs mit den Worten empfangen werden: Wie bl\u00f6d muss man denn eigentlich sein?! und w\u00fcrde dann wahrscheinlich mit einem (verdienten) Arschtritt gepaart meine K\u00fcndigung in Empfang nehmen &#8211; das Gel\u00e4chter und Verspotte schien mir bereits in den Ohren zu klingen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mit Audileinchen Richtung Heimathafen d\u00fcste, fiel mir auch noch ein, dass meine Vormittagskollegin ja nichts von dem merkw\u00fcrdigen Telefonanruf wissen konnte, die offen rumstehenden, leeren Kassen h\u00f6chstwahrscheinlich v\u00f6llig falsch interpretieren und vermutlich dann erst recht die Polizei auf Verbrecherjagd schicken w\u00fcrde. Krampfhaft versuchte ich also, eben besagte Kollegin schonend von den Umst\u00e4nden zu informieren, hatte jedoch telefonisch keinen Erfolg &#8211; sie sammelte bereits irgendwo Ostereier und war erst wieder nach dem Cholesterinschlachttagen erreichbar.<\/p>\n<p>Abends dann \u00fcberfiel mich blitzartig doch noch die Idee, die Polizei zu verst\u00e4ndigen. Immerhin w\u00fcssten die dann schon mal, dass turbantragende Schurken vorhaben, \u00fcber die Osterfeiertage meine Firma zu pl\u00fcndern und mir damit das Leben schwer zu machen. Seufzend stellte ich mich auch dieser Herausforderung und w\u00e4hlte die entsprechende Nummer.<\/p>\n<p>\u201c\u2026 und nun bin ich telefonisch eben bei ihnen gelandet, um ihnen das alles zu beichten und sie von meiner Bl\u00f6dheit zu informieren\u201d schloss ich meinen kurzen, hektischen Bericht der Ereignisse. Der Polizeibeamte hatte brav alles angeh\u00f6rt und sich seinerseits Kommentare verkniffen, vermutlich war jedoch sein Telefonnotizblock mit grinsenden Smilys gepflastert.<\/p>\n<p>\u201cHat denn ihre Firma eine Alarmanlage?\u201d fragte er, nachdem er sich meinen Namen und alle n\u00f6tigen Daten notiert hatte.<\/p>\n<p>\u201cAlarmanlage?\u201d, dachte ich laut \u201cN\u00f6, nicht wirklich, es sei denn es z\u00e4hlt auch der Wassergraben vor dem Haus als solche. Ich f\u00fcrchte aber, dass die darin schwimmenden Goldfische nicht wirklich indische Einbrecher von ihrer verruchten Tat abbringen k\u00f6nnen, obwohl sie &#8211; also die Goldfische &#8211; durchaus bissig sein sollen, so munkelt man!\u201d<\/p>\n<p>Der Polizeibeamte kicherte, schien sich dann aber selbst zur Ordnung zu rufen und erwiderte: \u201cHm, das ist ja jetzt wirklich bl\u00f6d gelaufen!\u201d (Er sagte tats\u00e4chlich \u201cbl\u00f6d\u201d). Ein indisches Verbrecherkartell, das vorher h\u00f6flich seine potenziellen Opfer telefonisch ausfragt, ob es sich lohnt, sie auszurauben, ist ihm zwar so noch nicht in den Akten aufgetaucht, aber man kann ja nie wissen. Jedoch h\u00e4tte er ja jetzt einen Aktenvermerk gemacht und die Kollegen w\u00fcrden ein bisschen \u00f6fters in der Gegend \u00fcber die Osterfeiertage Streife fahren. Ob das dann tats\u00e4chlich so war, wei\u00df ich nicht, aber die Vorstellung beruhigte meine flatternden Nerven. Ostern konnte kommen.<\/p>\n<p>Ostern 2007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich nach dem 24. Klingeln meldete sich der diensthabende Polizeikommissar und fragte nach meinem Problem. 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