{"id":244,"date":"2010-01-30T17:27:11","date_gmt":"2010-01-30T16:27:11","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=244"},"modified":"2010-01-30T17:35:47","modified_gmt":"2010-01-30T16:35:47","slug":"gut-das-ich-erwachsen-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/gut-das-ich-erwachsen-bin\/","title":{"rendered":"Gut das ich erwachsen bin"},"content":{"rendered":"<p>Im Supermarkt war es angenehm k\u00fchl. Das war aber auch bereits der einzige Vorzug, dem ich dem freit\u00e4glichen Gro\u00dfeinkauf noch abgewinnen konnte. Es war jetzt 18 Uhr, und ich hatte gehofft, dass die Mehrzahl der Kunden motivierter als ich gewesen w\u00e4ren und ihren Einkauf l\u00e4ngst hinter sich gebracht h\u00e4tten. Dem war nicht so. Ein bisschen missmutig stapfte ich durch die Regalschluchten, schl\u00e4ngelte mich mehr oder weniger elegant an d\u00e4mlich geparkten Einkaufswagen vorbei und arbeitete meinen Zettel ab: Milch, Brot, Butter, Eier \u2026. jede Woche das selbe Spiel.<!--more--><\/p>\n<p>Um der kaufhauseigenen Musikberieselung a la Wildecker Herzbuben, die nur von der noch grusligeren und in Ohrenbluten ausl\u00f6sendem S\u00e4chsisch durch die Deckenlautsprecher gepl\u00e4rrten Sonderaktion: \u201cW\u00fcr hoaben fier Sie reduzierd: Een Gilogroamm Schweinenaggenscht\u00e4gs zum halben Preis!\u201d, zu entkommen, baumelte mein MP3-Player um meinen Hals und versorgte meine Lauschlappen mit meiner Lieblingsmusik &#8211; Die \u00c4rzte &#8211; w\u00e4hrend ich die im Angebot stehenden M\u00fcslisorten argw\u00f6hnisch musterte und zu ergr\u00fcnden versuchte, warum ich f\u00fcr die eine T\u00fcte K\u00f6rnerfutter fast das doppelte zahlen sollte.<\/p>\n<p>\u201cGut das ich erwachsen bin\u201d sang Bela B. mitten in meinen Kopf und ich grinste vergn\u00fcgt. Meine Lippen zuckten, bereit, lauthals mitzusingen, doch mein Verstand nagelte ein erschrockenes STOP! an die Gehirnwandh\u00e4lfte, die f\u00fcr Mitsingen verantwortlich ist, und ich belie\u00df es bei einem kaum h\u00f6rbaren Mitsummen.<\/p>\n<p>\u201cBitte, Mama, nur den einen!\u201d quengelte es vom anderen Ende des M\u00fcsliregales zu mir heran. Die S\u00fc\u00dfigkeitenfalle, die ich seit Monaten mied, hatte ein Opfer gefunden. Ein vielleicht 6-j\u00e4hriger Junge versuchte seine schon etwas gestresst aussehende Mutter von der Notwendigkeit zu \u00fcberzeugen, dass er ohne diesen einen bestimmten Mars-Riegel ganz sicher nicht weiterleben w\u00fcrde k\u00f6nnen. \u201cMama, nur den einen!\u201d versuchte er es erneut und bugsierte vermutlich nicht zum ersten Mal besagten Riegel in den Einkaufswagen, aus dem ihn die Mutter mit stoischer Gelassenheit sofort wieder entfernte und in das Regal zur\u00fcck stellte. \u201cWir haben ausgemacht, dass du nachher ein Eis bekommst, Lasse!\u201d argumentierte die Mutter in der geradezu l\u00e4cherlichen Hoffnung, damit bei dem Sohn auf Verst\u00e4ndnis und Einsicht zu sto\u00dfen. Aber was hatte auch das in Aussicht gestellte Eis mit dem jetzt so verlockend im Regal liegenden Schokoriegel zu tun? Der Bub machte erwartungsgem\u00e4\u00df keinerlei Anstalten, von seinem Ansinnen auch nur ein Ringell\u00f6ckchen breit abzur\u00fccken und stellte sich offensichtlich auf einen h\u00e4rteren Stellungskampf ein, zerknitterte sein Gesicht in weinerliche Falten und griff abermals nach dem Schokoriegel. Die Mutter inklusive Einkaufswagen war unterdessen bei mir und den M\u00fcslit\u00fcten angelangt. Ich sch\u00fcrtzte demonstrativ das totale und uneingeschr\u00e4nkte Interesse an den Inhaltsangaben von K\u00f6lln-M\u00fcsli-Flocken vor, wartete aber insgeheim auf die Vorstellung, die der kleine quengelnde Junge sicherlich bereits im Detail plante. Ich wurde nicht entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>\u201cMama, ich will das Mars haben!\u201d setzte der Qu\u00e4lgeist erneut ein, schmiss noch ein \u201cBitte!\u201d hinterher und ich fragte mich, ob das jetzt reine Sturheit war oder er wirklich hoffte, dass, wenn er nur energisch und ausdauernd genug bettelte, seine Mutter irgendwann urpl\u00f6tzlich ihre Meinung \u00e4ndern und den S\u00fc\u00dfkram im Korb einfach resignierend tolerieren w\u00fcrde. Er hatte wohl auch nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sein Muttertier diesmal nachgibt, und als er sie nur den Kopf sch\u00fctteln sah, verschr\u00e4nkte er die Arme vor der Brust, zerknautschte das Gesicht noch mehr, st\u00fclpte die Lippen zu einem Schmollmund und quetschte die ersten Tr\u00e4nen hervor. Die Mutter seufzte h\u00f6rbar und ich hatte den Eindruck, dass sie so ziemlich genau wusste, was in den n\u00e4chsten Minuten auf sie und ihre Nerven zukam: ein st\u00f6rrisches, heulendes, quengelndes und bockendes Kind, das sich strikt weigern w\u00fcrde, den begehrten Schokoriegel aufzugeben oder auch nur das Regal mit den S\u00fc\u00dfigkeiten zu verlassen. Sie schob unbeirrt ihren Einkaufswagen in die Brotabteilung einen Gang weiter, was taktisch klug war, denn Sohnemann musste sich nun entscheiden: entweder blieb er hartn\u00e4ckig stehen, schmollte aber in Abwesenheit der Mutter, was auch schon einem 6-J\u00e4hrigen zu der Erkenntnis brachte, dass das keinerlei Ergebnis bringen w\u00fcrde. Oder er zuckelte jetzt dem Muttertier hinterher und versuchte sie durch weiteres Quengeln doch noch zu erweichen, auch wenn er dazu zun\u00e4chst seine Position am S\u00fc\u00dfigkeitenstand aufgeben musste &#8211; vorerst jedenfalls.<\/p>\n<p>Offensichtlich entschied er sich f\u00fcr die letztere Option. Ich war indessen ebenfalls im Schokoriegel-Paradies angekommen. Gerade, als er seiner hinter einer Toastbrotpyramide und einem Baguette-Stangen-Wald verschwundenen Mutter hinterher schlurfen wollte, r\u00fcckte ich in sein Blickfeld. Sekundenlang sahen wir uns in die Augen. Und dann musste ich es einfach tun:<\/p>\n<p>\u201cGut dass ich erwachsen bin!\u201d sang ich laut, griff nach dem Marsriegel, grinste den kleinen Jungen an und h\u00fcpfte in Pippi-Langstrumpf-Manier an ihm vorbei an das andere Ende des Ganges.<\/p>\n<p>Er war verbl\u00fcfft, er war fassungslos, und er hatte nicht nur den Schokoriegel sondern auch die n\u00e4chste Quengelattacke vergessen. Mit gro\u00dfen Augen blickte er mir hinterher, dann h\u00f6rte ich seine kleinen F\u00fc\u00dfchen in die entgegengesetzte Richtung tapsen und ihn emp\u00f6rt zur Mutter sagen: \u201cDie Frau da hat laut gesungen!\u201d. Die weitere Unterhaltung verlor ich hinter dem Wurststand aus den Ohren, doch ich schmunzelte noch vor mich hin, als ich zur Kasse marschierte.<\/p>\n<p>\u201cGut dass ich erwachsen bin!\u201d, sang Bela weiter in meinem Kopf, und ich stimmte ihn still und vergn\u00fcgt zu.<\/p>\n<p>\u00dcber den erstandenen Mars-Riegel freute sich mein Knuffelchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Supermarkt war es angenehm k\u00fchl. Das war aber auch bereits der einzige Vorzug, dem ich dem freit\u00e4glichen Gro\u00dfeinkauf noch abgewinnen konnte. 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