{"id":2696,"date":"2010-09-24T23:17:22","date_gmt":"2010-09-24T22:17:22","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=2696"},"modified":"2010-09-25T04:14:23","modified_gmt":"2010-09-25T03:14:23","slug":"hinter-dem-bild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/hinter-dem-bild\/","title":{"rendered":"Hinter dem Bild"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal sind Tr\u00e4ume einfach nur Tr\u00e4ume, verarbeitete Eindr\u00fccke des Tages. Manchmal vergesse ich sie sofort nach dem Aufwachen. Manchmal aber bleiben sie pr\u00e4sent. So wie der letzte. Ich habe keine Ahnung, wo Sherlock Freud die Urspr\u00fcnge des Folgenden bei mir suchen w\u00fcrde. Ich fange einfach mal an, ihn so detailliert wie m\u00f6glich zu beschreiben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der kleine Junge<\/strong>, er mochte vielleicht 5 oder\u00a0 6 Jahre alt sein, hatte dunkle, strubbelige Haare und gro\u00dfe Augen. Er sa\u00df allein an einem riesigen schwarzen Eichentisch, eine Zeitschrift vor ihm, in der er bl\u00e4tterte. Er war still und in sich gekehrt und allein in dem trist eingerichteten Raum, der zu einem Kinderheim geh\u00f6ren musste. Die W\u00e4nde waren grau, die Tapeten alt und zerschlissen und das Zimmer d\u00fcster, trostlos und kalt. Ich f\u00fchlte mich jedoch nicht fremd in den Raum, er war mir vertraut, ich kannte ihn und meine Anwesenheit hier schien normal und richtig zu sein. Ich setzte mich zu dem Jungen an den Tisch, der bei meinem Eintreten den Kopf hob und ein ganz klein wenig l\u00e4chelte, aber kein Wort sprach. Ich strich ihm sanft \u00fcber die Haare und er wandte sich wieder seiner Zeitung zu. Wir schwiegen. In der Zwischenzeit betraten noch andere Leute den Raum, Kinder, die an uns vorbei rannten und sich lachend in einer Ecke versammelten, um zu spielen. Weitere Frauen kamen herein, nickten mir freundlich zu und setzten sich an einen anderen Tisch, tranken Kaffee und beachteten uns nicht weiter. Alles f\u00fchlte sich so allt\u00e4glich und normal an.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf eine der Frauen, die Fotos herumreichte, die bei den anderen \u201ehach\u201c und \u201eoooh, wie sch\u00f6n!\u201c-Ausrufe ausl\u00f6sten. Auch die anderen Kinder gesellten sich schnell zu der Frau mit den Fotos, umstanden sie wie ein Schwarm und plapperten und kicherten vergn\u00fcgt.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chtest du auch die Bilder sehen?\u201c fragte ich leise den kleinen Jungen an meiner Seite.<\/p>\n<p>Er schaute mich mit seinen dunklen Augen an und sch\u00fcttelte den Kopf. Sein L\u00e4cheln war verschwunden.<\/p>\n<p>\u201eDas ist bestimmt lustig!\u201c versuchte ich ihn umzustimmen. Noch immer fl\u00fcsterten wir und das Lachen vom anderen Ende des tristen Raumes wogte wie eine Welle durch die Luft. Alles in mir dr\u00e4ngte danach, zu ihnen hinzugehen und mir die Bilder anzusehen, doch wollte ich auch den kleinen Jungen an dem \u00fcbergro\u00dfen Tisch nicht allein lassen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht lustig\u201c antwortete mir leise der Junge, \u201eIch mag sie nicht sehen!\u201c<\/p>\n<p>Ich verstand nicht, aber ich f\u00fchlte den Schrecken in der Stimme und er tat mir leid. Fragend schaute ich ihn an und er schob mir seine aufgeschlagene Zeitschrift hin. \u00dcber zwei Seiten war ein schwarz-wei\u00df-Foto abgebildet, das einen kleinen chinesischen Jungen zeigte, der hinter einer Fensterscheibe sa\u00df und lachte. Vor dem Fenster sa\u00df ein alter Mann, den Hut tief ins Gesicht gezogen, so dass man seine Augen nicht erkennen konnte. Zu seinen F\u00fc\u00dfen sprang ein Jack Russell Terrier nach einem Ball.<\/p>\n<p>Ich betrachtete das Foto und fand nichts Bedrohliches daran, es war f\u00fcr mich ein Foto, wie andere auch. Kurz fragte ich mich, wer wohl der kleine Junge hinter der Fensterscheibe sein mochte, warum er da sa\u00df und in welcher Beziehung er zu dem Mann mit dem Hund stand. Doch die Bildbeschreibung zu dem Foto am Rand war in Chinesisch, ich konnte sie jedenfalls nicht lesen.<\/p>\n<p>\u201eDas ist ein h\u00fcbsches Foto. Der kleine Hund ist sehr niedlich, wie er mit dem Ball spielt!\u201c kommentierte ich das Bild.<\/p>\n<p>\u201eNein!\u201c fl\u00fcsterte der Junge zur\u00fcck. \u201eKannst du es nicht sehen? Der Junge hinter der Scheibe ist ungl\u00fccklich. Er hat keine Eltern mehr und hungert. Er muss den ganzen Tag arbeiten und ist dabei so m\u00fcde. Und der alte Mann qu\u00e4lt den Hund wenn niemand hinsieht. Er ist b\u00f6se.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment war ich sprachlos. Ich starrte auf das Foto, das noch immer den lachenden chinesischen Jungen, den alten Mann und den Hund zeigte. Ein kalter Schauer lief mir \u00fcber den R\u00fccken und ich f\u00fchlte mich unbehaglich.<\/p>\n<p>\u201eWoher wei\u00dft du das?\u201c fragte ich den Kleinen leise und ahnte die Antwort bereits.<\/p>\n<p>\u201eSie ver\u00e4ndern sich! Wenn ich lange genug auf die Bilder schaue, fangen sie an, sich zu bewegen\u201c erkl\u00e4rte er mir und seine Stimme wurde noch leiser, kaum wahrnehmbar. \u201eIch sehe dann die wahre Geschichte, wie der Junge wieder weint und der alte Mann nach dem Hund tritt.\u201c<\/p>\n<p>Wieder betrachtete ich das Foto und versuchte zu verstehen. War es m\u00f6glich, dass hinter den eingefrorenen Momentaufnahmen mehr zu sehen war, als beim ersten Hinschauen? Wieder \u00fcberlief es mich kalt. Ich wollte aufstehen und weglaufen und gleichzeitig noch immer nicht den kleinen Jungen verlassen. Mit einer Hand wischte er \u00fcber das Foto, und dann konnte ich es auch sehen: Den weinenden Chinesen-Jungen. Ich h\u00f6rte sogar das schmerzliche Fiepen des Terriers, als der alte Mann nach ihm trat. Dann erstarrte das Bild wieder in Bewegungslosigkeit.<\/p>\n<p>Ich klappte die Zeitung zu und nahm den kleinen Jungen tr\u00f6stend in den Arm. Doch irgendwie war er es, der mich tr\u00f6stete.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt auch fr\u00f6hliche Bilder.\u201c fl\u00fcsterte er mir zu, wie um mir Hoffnung zu geben. Und ich glaubte ihm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal sind Tr\u00e4ume einfach nur Tr\u00e4ume, verarbeitete Eindr\u00fccke des Tages. Manchmal vergesse ich sie sofort nach dem Aufwachen. Manchmal aber bleiben sie pr\u00e4sent. So wie der letzte. 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