{"id":3262,"date":"2011-01-03T20:27:02","date_gmt":"2011-01-03T19:27:02","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=3262"},"modified":"2011-01-04T10:10:19","modified_gmt":"2011-01-04T09:10:19","slug":"die-versammlung-der-fluchtlinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/die-versammlung-der-fluchtlinge\/","title":{"rendered":"Die Versammlung der Fl\u00fcchtlinge"},"content":{"rendered":"<p>Die Strahlen des bleichen Mondes zersplitterten auf den dunklen, groben Steinfliesen. Der Wind heulte und es h\u00f6rte sich fast wie das Klagen eines Wolfes an. In der Mitte des Gemeinschaftswaschraumes befand sich ein Ring aus Waschbecken, ebenso waren die gegen\u00fcberliegenden W\u00e4nde mit Becken und Duschen ausgestattet. Ein stetiges Tropfen zerriss im Minutentakt die zeitweise einsetzende Stille. Kerzen und Teelichter waren \u00fcberall verteilt und warfen flackernde Schatten an die W\u00e4nde.<\/p>\n<p>Etwa 15\u00a0 Jungen und M\u00e4dchen zwischen 15 und 18 Jahren sa\u00dfen auf schmalen B\u00e4nken oder auf Jacken und Decken direkt auf dem Boden und w\u00e4rmten sich die Finger an den Kerzen. Rotwein in Pappbechern und Kaffee wurden herumgereicht. Jemand spielte auf der Gitarre das Lied vom kleinen Trompeter, einige sangen leise dazu mit. Als das Lied verklungen war, trug ein junger Mann mit dunkler Stimme ein Liebesgedicht vor. Alle lauschten ergriffen den Worten, niemand lachte oder kicherte. Wir waren eine Gemeinschaft von Fl\u00fcchtlingen. Fl\u00fcchtlinge vor dem Grau der sozialistischen Vereinheitlichung, der Gleichschaltung. Zaghaft befreiten sich die Gedanken in dem dunklen, kalten Waschkeller und stiegen wie Seifenblasen zum bleichen Mond auf. Leise wurden Diskussionen gef\u00fchrt. Ein M\u00e4dchen erz\u00e4hlte von ihren Tr\u00e4umen; sie wollte Paris sehen oder den Fuji Yama, aus New York berichten. Wir alle hatten Tr\u00e4ume, aber wir ahnten, dass es f\u00fcr die meisten vermutlich geheime Tr\u00e4ume bleiben w\u00fcrden, unerreichbar. Doch in dem alten Klostergeb\u00e4ude, in der Nacht vor der Konferenz f\u00fcr angehende Journalisten, sp\u00fcrte ich die Magie der verschworenen Gemeinschaft. Wir waren keine Verr\u00e4ter, nur weil wir unseren Tr\u00e4umen gestatteten, zaghaft frei zu tanzen. Ich geh\u00f6rte dazu, ich teilte meine Gedanken, Tr\u00e4ume, Sehns\u00fcchte mit Menschen, die ich erst wenige Stunden zuvor kennengelernt hatte. Wir kamen aus allen Teilen des Bezirkes, waren in journalistischen Arbeitsgemeinschaften organsiert; wollten studieren &#8211; und die Welt sehen. Die Welt, die doch so viel gr\u00f6\u00dfer sein musste, als etwas \u00fcber 108.000 km\u00b2. Drohten wir zu laut zu werden, gemahnte uns ein beruhigendes Pssss, den  Ton zu d\u00e4mpfen, denn die verantwortlichen Erzieher ahnten nichts von  diesem geheimen Treffen. Sie glaubten uns in den Schlafs\u00e4len des  ehemaligen Klosters. So sanken wir wieder in die Stille zur\u00fcck, und das Tropfen des Wassers hallte den wegwehenden Tr\u00e4umen nach wie ein Echo.<\/p>\n<p>Wieder erklangen die Akkorde der Gitarre und jemand stimmte die Internationale an. Von uns aus, weil wir es wollten, sangen wir mit, leise, aber uns der Strophen und ihrer Aussage im Klaren.<\/p>\n<p>Diese Nacht ver\u00e4nderte mich, ohne, dass es mir zuerst bewusst wurde. Ich dachte \u00fcber Vaterlandsliebe und Nationalismus nach, \u00fcber meinen Platz in einem System, das mir Gedanken aufzwingen wollte und Wege vorzeichnete. Ich war nicht ungl\u00fccklich in der DDR; aber wie viele hatte auch ich Tr\u00e4ume. Ich war 15 Jahre alt, und mein Leben fing gerade erst an. Zum ersten Mal sah ich den K\u00e4fig, und zum ersten Mal sp\u00fcrte ich die Magie und die Kraft der wahren, ungezwungenen Gemeinschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Strahlen des bleichen Mondes zersplitterten auf den dunklen, groben Steinfliesen. Der Wind heulte und es h\u00f6rte sich fast wie das Klagen eines Wolfes an. 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