{"id":3643,"date":"2011-01-24T21:26:03","date_gmt":"2011-01-24T20:26:03","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=3643"},"modified":"2011-01-25T07:24:25","modified_gmt":"2011-01-25T06:24:25","slug":"besuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/besuch\/","title":{"rendered":"Besuch"},"content":{"rendered":"<p>Ich sah sie schon vom Balkon aus, die 6 M\u00e4nner und Frauen, die sich an der Stra\u00dfenecke trafen und unauff\u00e4llig die Wachtturmzeitschriften unter sich verteilten. Ich war gespannt, ob sie auch bei uns klingeln w\u00fcrden. Ich dr\u00fcckte die Zigarette aus und sch\u00e4lte mich in meine Jacke, denn es war Sonnabend Vormittag und mein Friseurtermin stand an. Da die Zeit nur f\u00fcr einen Cappuccino zum Fr\u00fchst\u00fcck gereicht hatte, stopfte ich mir noch ein Schokoriesenbonbon in den Mund und wollte gerade die Schuhe anziehen, als es tats\u00e4chlich klingelte. Ich riss die T\u00fcr auf, neugierig, ob es wirklich die Zeugen w\u00e4ren. Sie waren es! Vor unserer Wohnungst\u00fcr standen eine etwas \u00e4ltere Frau mit einem breiten, einen Hauch zu aufgesetzten L\u00e4cheln, hinter ihr versteckte sich ein junger Mann, nicht \u00e4lter als 16. Dieser schien direkt aus einer Castingshow f\u00fcr Au\u00dfenseiter\u00a0 entlaufen zu sein: schlacksig, immer im Kampf mit der Krawatte, die \u00fcber dem karierten Hemd hindurchschimmerte, streng gek\u00e4mmtes Haar. Kurz glaubte ich einen neidvollen Blick von ihm zu erhaschen, der meinem gen\u00fcsslichen Lutschen meines Schokoriesenbonbons galt, denn nat\u00fcrlich ist das Verputzen von S\u00fc\u00dfigkeiten w\u00e4hrend des Predigens ein Zeugnis von Respektlosigkeit und ihm damit untersagt.<\/p>\n<p>\u201eGuten Tag und guten Appetit!\u201c begr\u00fc\u00dfte mich die Frau; sie hatte wohl ebenfalls mein zelebriertes Bonbon-Kauen bemerkt. Ich murmelte einen Guten Tag zur\u00fcck und \u00fcberlegte bereits, wann und wie ich ihnen die schreckliche Tatsache verk\u00fcnde, dass sie gerade versucht, Abtr\u00fcnnige zu missionieren.<\/p>\n<p>\u201eDarf ich Ihnen eine Frage stellen? Glauben Sie an ein Paradies?\u201c Sie sah mich erwartungsvoll an.<\/p>\n<p>Wie das Riesenschokobonbon lag mir eine flapsige Antwort auf der Zunge, etwa: \u201aOh, ich entdecke mein Paradies t\u00e4glich neu, in diesem Augenblick in Form eines Bonbons!\u2019. Ich k\u00f6nnte auch von meiner eigenen Theorie eines pers\u00f6nlichen Seelenparadieses erz\u00e4hlen oder von meiner Hoffnung im Herzen, dass da irgendwann, jenseits von allem K\u00f6rperlichen, mehr sein m\u00f6ge, als nur endlose, unbewu\u00dfte Ewigkeit.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df es sein, denn ich wei\u00df, dass diese Menschen gar nicht an meinen pers\u00f6nlichen Glauben und Vorstellungen interessiert sind, sondern mir das, was sie als Wahrheit verstehen, ins Gehirn zwingen, systematisch mein Weltbild zerhacken wollen, um mir dann das ihrige einzufl\u00f6\u00dfen, tropfenweise, immer darauf bedacht, eigenst\u00e4ndiges Denken auszuschalten.<\/p>\n<p>Hatte ich schon &#8211; brauche ich nicht noch einmal.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, Sie d\u00fcrfen gar nicht mit mir reden. Wir sind Abtr\u00fcnnige!\u201c sagte ich ihr freundlich l\u00e4chelnd und wahrheitsgem\u00e4\u00df, gespannt auf ihre Reaktion.<\/p>\n<p>Die verlief wie erwartet: Ihre Gesichtsz\u00fcge entgleisten in Zeitlupe, ihr aufgesetztes L\u00e4cheln vereiste und der Junge hinter ihr trat entsetzt noch einen halben Schritt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eOh, das wusste ich nicht\u201c stammelte sie; und ich glaubte ihr, denn ihr ins Gesicht geschriebene Entsetzen und die Abscheu waren echt. Da stand ich also vor ihr, munter und am Leben, wo wir uns doch von dem einzigen Gott wissentlich abgewandt, ihn versto\u00dfen, uns seiner F\u00fchrung entzogen hatten. Ich sollte ein ungl\u00fcckliches, von Zweifeln und \u00c4ngsten zerfressenes Leben f\u00fchren, denn das war es doch, was Abtr\u00fcnnigen widerf\u00e4hrt ohne die Liebe des wahren und einzigen Gottes und seiner Organisation. Gl\u00fcck, Zufriedenheit, Liebe standen uns nicht mehr zu. Und doch stand ich vor ihr, Bonbon kauend, l\u00e4chelnd, selbstbewu\u00dft &#8211; und frei.<\/p>\n<p>\u201eSie haben sich also entschieden?\u201c hakte sie nach, mehr, um \u00fcberhaupt etwas zu sagen. Aus ihrer Stimme war jede Freundlichkeit schlagartig verschwunden.<\/p>\n<p>\u201eJa, wir haben uns f\u00fcr das freie Denken entschieden!\u201c<\/p>\n<p>Ich beobachte, wie sie mit sich rang. Die Verhaltensvorgaben der Wachttumrorganisation f\u00fcr einen solchen Fall sind klar definiert. Alles ist klar reglementiert und definiert in diesem Verein, selbst die S\u00e4tze, wie man ein Gespr\u00e4ch beginnt, lenkt und beendet! Sie hatte sich umzudrehen und ohne Gru\u00df davonzugehen.<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigen Sie!\u201c murmelte sie. Ihr Paradies hatte sie v\u00f6llig vergessen.<\/p>\n<p>\u201eEinen sch\u00f6nen Tag noch\u201c, l\u00e4chelte ich ihr hinter her und ein bisschen tat sie mir jetzt Leid. Die einzelnen Zeugen Jehvoas sind sicher keine schlechten Menschen und ein Gro\u00dfteil glaubt \u2013 will glauben \u2013 dass sie die einzig wahre Wahrheit gefunden haben und sie durch ihr Predigen Menschenleben retten, dass es das ist, was der liebende Gott von ihnen fordert. Sie sehen nicht ihre Unfreiheit, ihre Verblendung, ihr Benutzt-Werden, ihr st\u00e4ndiges Hetzen nach immer mehr absolvierten Predigtdienststunden und \u00fcbergebenen Zeitschriften. Ich war damals eine von ihnen. Damals. Das ist lange her, ein anderes Leben.<\/p>\n<p>Als ich Minuten sp\u00e4ter die 3 Etagen durch den Hausflur nach unten stiefelte, begegnete ich den zwei unerm\u00fcdlichen Predigern vor der n\u00e4chsten Wohnungst\u00fcr. Ich l\u00e4chelte immer noch. Sie beachteten mich nicht mehr. F\u00fcr sie war ich bereits weniger als Luft. Es war mir egal. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Der Sonnabend geh\u00f6rte mir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sah sie schon vom Balkon aus, die 6 M\u00e4nner und Frauen, die sich an der Stra\u00dfenecke trafen und unauff\u00e4llig die Wachtturmzeitschriften unter sich verteilten. Ich war gespannt, ob sie auch bei uns klingeln w\u00fcrden. 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