{"id":3768,"date":"2011-02-15T05:59:29","date_gmt":"2011-02-15T04:59:29","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=3768"},"modified":"2011-02-15T06:00:20","modified_gmt":"2011-02-15T05:00:20","slug":"kartoffel-stunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/kartoffel-stunden\/","title":{"rendered":"Kartoffel-Stunden"},"content":{"rendered":"<p>Sophie und Marco kannten sich seit der ersten Klasse. Sophie mochte den sch\u00fcchternen, etwas pummeligen Jungen, der von den anderen oft geh\u00e4nselt wurde. Als Sophie&#8217;s Mamutschka starb, erdr\u00fcckten Lehrer, Nachbarn und die Eltern der anderen Sch\u00fcler, die davon erfahren hatten, das kleine zierliche M\u00e4dchen mit ihrem Mitleid und Bedauern und fast schien es ihr, als w\u00fcrden all diese Menschen auf Sophie&#8217;s Zusammenbruch warten. Doch Sophie brach nicht zusammen. Sie trauerte auf ihre Weise, still und allein. Manchmal brauchte jedoch auch sie jemanden, der sie in dieser stillen Trauer verstand. Sophie fand ihn in Marco. Auch Marco hatte seine Mutter fr\u00fch verloren, doch im Gegensatz zu Sophie schien das niemanden zu interessieren. Seine Familie hatte keinen guten Ruf in der Dorfgemeinschaft, sie galten als Au\u00dfenseiter und Eigenbr\u00f6dler. Sophie interessierte das jedoch wenig, sie mochte den in sich gekehrten Jungen, und er erdr\u00fcckte sie nicht, sondern sa\u00df schweigend neben ihr. Neben ihm konnte sie sogar weinen. Sophie und Marco wurden Freunde, ohne dass sie das zuerst merkten. Doch wann immer der eine Kummer oder \u00c4rger hatte, suchte er die N\u00e4he des anderen, um Trost zu finden. Sophie war nach Elviras Einzug in die v\u00e4terliche Wohnung fast t\u00e4glich bei Marco zu hause.<\/p>\n<p>Marco wohnte mit seiner Familie in einem \u00e4rmlichen Haus, direkt neben der Schule und nah am Friedhof. Er hatte\u00a0 kein eigenes Zimmer, die Schulaufgaben erledigten sie gemeinsam in der &#8222;guten Stube&#8220;, wie sie jede Wohnung hatte. Das &#8222;gute&#8220; Zimmer, in dem G\u00e4ste emfpangen wurden, das immer ordentlich und sauber war, ohne Alltagsspuren und in dem die Kinder eigentlich nie spielen durften. Marco war sehr besorgt um Sophie. Er belud den Ofen, bis dieser mollige W\u00e4rme abgab. Immer lag eine T\u00fcte Knusperflocken auf dem Tisch, die Sophie so sehr mochte, wie Marco wu\u00dfte, und Cola, die Sophie zu hause nicht trinken durfte. Wenn Sophie ein bestimmtes Lied mochte, besorgte Marco die entsprechende Platte ein paar Wochen sp\u00e4ter, und legte sie l\u00e4chelnd auf den Plattenteller. Wenn Sophie dann das Lied erkannte und ihn \u00fcberrascht ansah, bet\u00f6rte ihn ihr aufrichtiges L\u00e4cheln und er drehte sich verlegen weg.<\/p>\n<p>Sophie half Marco bei seinen t\u00e4glichen Aufgaben, sch\u00e4lte mit ihm die Kartoffeln f\u00fcr die Stallkaninchen, saugte das Wohnzimmer oder wischte die Treppe. Wenn wir das gemeinsam machen, sind wir auch schneller fertig! \u00fcberredete sie ihren Freund, und er lie\u00df sich gern \u00fcberreden. Wenn Sophie bei ihm war, hatte er gute Laune. Sophie liebte am meisten die Nachmittage in Marcos K\u00fcche, wenn es nach gekochten Kartoffeln roch und er unaufh\u00f6rlich \u00fcber die Kaninchen plapperte, nur, um \u00fcberhaupt etwas zu sagen. Manchmal beschlossen sie, zusammen wegzulaufen. Doch dann blieben sie einfach an dem gro\u00dfen Kachelofen sitzen, schweigend und Sophie streichelte den Mischlingshund. Wo sollten sie schon hinlaufen? Sophie bemerkte nie diesen besonderen Ausdruck in seinem Blick, wenn Marco sie verstohlen anschaute. H\u00e4tte sie es bemerkt, h\u00e4tte sie vielleicht verstanden, warum die Kartoffelnachmittage pl\u00f6tzlich endeten. Marco war ihr bester Freund, sie erz\u00e4hlte ihm einfach alles, auch, als sie sich in Stephan verliebte. Dass sie mit diesem Gest\u00e4ndnis eine verborgene Hoffnung zerbrach, ahnte sie nicht &#8211; und es wurde ihr erst 30 Jahre sp\u00e4ter bewu\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sophie und Marco kannten sich seit der ersten Klasse. Sophie mochte den sch\u00fcchternen, etwas pummeligen Jungen, der von den anderen oft geh\u00e4nselt wurde. 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