{"id":3971,"date":"2011-03-14T12:10:17","date_gmt":"2011-03-14T11:10:17","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=3971"},"modified":"2011-03-18T18:29:14","modified_gmt":"2011-03-18T17:29:14","slug":"ein-medaillon-witchblade-und-mylord-jim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/ein-medaillon-witchblade-und-mylord-jim\/","title":{"rendered":"Ein Medaillon, Witchblade und Mylord Jim"},"content":{"rendered":"<p>Das Unwetter begann erst richtig zu toben, als sich die T\u00fcr hinter den zwei Ank\u00f6mmlingen schloss und das Rascheln ihre tropfenden Kleider durch das Zimmer glitt. Der Raum, an den wir uns vor dem Unwetter drau\u00dfen gefl\u00fcchtet hatten, war sehr hoch, die Decke war mit Ornamenten aus Stuck verziert, die halb verborgen in einer gew\u00f6lbten Kuppel angebracht waren und aus Blumen, Kr\u00fcgen und verschlungenen Mustern bestanden. Ein Holzfurnier zog sich waagerecht auf H\u00fcfth\u00f6he entlang der Wand, teilte diese in zwei H\u00e4lften. Der untere Teil war mit dunklen Holz get\u00e4felt, w\u00e4hrend der obere Bereich mit roter Stofftapete ausgekleidet war. An einer Wandseite, der Eingangst\u00fcr entgegengesetzt, war ein Kamin eingelassen, in dem ein Feuer prasselte.\u00a0<!--more--> An den W\u00e4nden hingen gigantisch gro\u00dfe Bilder und die Glasfront auf der T\u00fcrseite bestand aus zusammengesetzten mittelgro\u00dfen Fenstern, deren Glasscheiben nach innen gew\u00f6lbt waren und die Nacht und den Regensturm in Hunderten Facetten spiegelten. Der Boden bestand aus dunklem Parkett, das bei jedem Schritt leise knarrte. In der Mitte des Raumes stand auf einem roten Teppich ein altmodischer Schreibtisch mit zwei noch \u00e4lteren St\u00fchlen mit verschn\u00f6rkelt verzierten R\u00fcckenlehnen. Eine einzige Schreibtischlampe mit rotem Schirmchen spendete, abgesehen von dem Kaminfeuer, Licht. An dem Schreibtisch sa\u00df ein alter Mann mit wei\u00dfen, zersausten Haaren, tief \u00fcber ein St\u00fcck Papier gebeugt zeichnend und nicht darauf achtend, wer den Raum betreten hatte. Au\u00dfer dem alten Mann waren noch eine Frau und ein Mann anwesend, die am Kamin standen und grobe schmutzige Kleidung trugen. Die Frau hatte au\u00dferdem Handschuhe an, deren Fingerh\u00fcllen abgeschnitten waren, so dass ihre braunen schmutzigen Fingerspitzen daraus hervorlugten. W\u00e4hrend sie jeweils eine Zigarette rauchten, erweckten sie den Eindruck, als w\u00fcrden sie auf den Bus warten und die Anwesenheit aller anderen nicht l\u00e4nger ertragen k\u00f6nnen. Jegliche Gespr\u00e4che schienen schon vor dem Eintreffen der zwei Neuank\u00f6mmlinge verstummt zu sein. Nur der alte Mann murmelte hin und wieder einen Fluch, zerkn\u00fcllte ein weiteres St\u00fcck Papier, warf es achtlos von sich und begann wieder neu mit seiner Arbeit. Alles in allem schienen wir uns nicht nur an einen anderen Ort vor dem Unwetter gefl\u00fcchtet zu haben, sondern auch in eine andere Zeit gereist zu sein, in einen Raum direkt aus Versailles mit Menschen aus dem 19.\u00a0Jahrhundert. Ich sah @Witchblade erstaunt an, aber sie zuckte nur mit den Schultern, froh, dem Unwetter entkommen zu sein. Was sollte hier schon passieren?<\/p>\n<p>Wir warfen die nassen M\u00e4ntel ab und stellten uns ebenso an den Kamin, die klammen Finger dankbar f\u00fcr das bisschen W\u00e4rme reibend. Wieder warf der Alte ein zerkn\u00fclltes St\u00fcck Papier quer durch den Raum, offensichtlich erneut unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Zeichnung. Vorsichtig hob ich das St\u00fcck Papier auf und entfaltete es. Im flackernden Kaminschein zeigte ich Witchblade die Zeichnung: Hinter einem eisernen mannshohen Tor hatte der Alte eine Art Burgschloss gezeichnet, von zwei T\u00fcrmen umrahmt. Eine Allee aus alten B\u00e4umen mit verschlungenen verdrehten St\u00e4mmen und \u00c4sten wie verkr\u00fcppelte Arme s\u00e4umte den Weg vom eisernen Tor zur einladenden Treppe und der dahinter liegenden gro\u00dfen Fl\u00fcgelt\u00fcr. Ich kannte den Ort! Neugierig hatte auch die schmuddelige Frau \u00fcber meine Schulter auf die Zeichnung geblickt. Dann sch\u00fcttelte sie nur abf\u00e4llig den Kopf.<\/p>\n<p>\u201eEr zeichnet seit Jahren hier, und immer dasselbe! Dieses Haus da hinter dem Zaun!\u201c Ihr Atem roch widerlich und sie hatte kaum noch Z\u00e4hne im Mund.<\/p>\n<p>\u201eDieses Schloss oder was immer er da zeichnet, gibt es gar nicht. Niemand hat es bisher gesehen. Aber er sitzt da seit Jahrzehnten und zeichnet es immer wieder aufs Neue. Doch nie ist er zufrieden, immer fehlt ein Detail. Der Alte ist verr\u00fcckt!\u201c, mischte sich auch der Mann am Kamin ein.<\/p>\n<p>Witchblade betrachtete die Zeichnung noch immer und ihr Blick wurde vertr\u00e4umt: \u201eDas ist so sch\u00f6n!\u201c fl\u00fcsterte sie zu mir, \u201eEs ist, als wenn man den Wind in den B\u00e4umen h\u00f6ren k\u00f6nnte und gleich in einem der Fenster in dem Zeichenschloss das Licht angehen w\u00fcrde. Es ist bestimmt sch\u00f6n dort, wo immer dieses Schloss auch steht!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kenne den Ort!\u201c fl\u00fcsterte ich zur\u00fcck. \u201eEr liegt hinter dem Kamin!\u201c<\/p>\n<p>Der Mann am Kamin spitzte seine Ohren, ich konnte sehen, wie er seinen Hals in unsere Richtung reckte, um kein Wort zu verpassen. Ich zog Witchblade mit mir weg.<\/p>\n<p>Meine Hand tastete nach dem Medaillon um meinen Hals. Es f\u00fchlte sich warm an und ich wusste mit unbeirrbarer Sicherheit, dass das Medaillon gleichzeitig auch der Schl\u00fcssel war, um durch den Kamin zu jenem Ort zu gelangen, den der Alte wieder und wieder verzweifelt zeichnete. Und ebenso sicher wusste ich, dass wir dorthin allein gehen mussten, unbeobachtet.<\/p>\n<p>Als ob der Mann doch mehr von unserem gefl\u00fcsterten Gespr\u00e4ch mitbekommen h\u00e4tte, begann er, Zentimeter f\u00fcr Zentimeter den Kamin zu untersuchen. Der Kamin selbst hatte einen Rahmen aus Zinn, ebenso wie der Rest des Raumes reich verziert und geschm\u00fcckt. Pl\u00f6tzlich schrie er auf und hielt seine Hand in der H\u00f6he. Sie zerbr\u00f6selte zu Asche vor unseren Augen und der Mann schrie wie am Spie\u00df lauter und lauter, seine zu Asche zerfallende Hand betrachtend. Die Frau ergriff die Flucht und rannte kreischend aus dem Zimmer, hinaus in den Sturm, der sie davon wehte und ihre Schreie mitnahm. Der Alte zeichnete noch immer, als w\u00fcrde er die Geschehnisse um sich herum nicht bemerken. Der Mann am Kamin war zusammengesunken, noch immer auf seine Hand starrend, die nur noch ein Stumpf war. Ich ergriff Witchblades Hand und zog sie mit mir, in der anderen das Medaillon haltend, n\u00e4herten wir uns dem Kamin. Das Medaillon schien angezogen zu werden und wurde mir fast aus der Hand gezerrt, so sehr strebte es zu einer bestimmten Stelle, f\u00fcllte den ausgesparten Raum aus. Kaum hatten sich Kamin und Medaillon vereinigt, fielen die roten Tapeten herunter, zerbarsten die Fensterscheiben, verschwanden Schreibtisch und alter Mann, Kamin und Unwetter. Witchblade und ich fanden uns \u2013 einander erstaunt betrachtend \u2013 in einem wundervollen Saal wieder, opulent ausgestattet mit kostbaren Teppichen, Wandbeh\u00e4ngen, goldenen Kerzenleuchtern an den W\u00e4nden und ebenso in Gold eingerahmten Gem\u00e4lden. Witchblade und ich hatten weite wundervolle Kleider an und nahmen uns an die H\u00e4nde und tanzten durch die S\u00e4le, ausgelassen, fr\u00f6hlich. Zu Hause. Wir tanzten \u00fcber eine gro\u00dfe Treppe mit niedrigen Stufen, die mit weichem Teppich ausgelegt waren, und unsere Stimmen und Lachen hallten in dem Raum wider. Auf der kleinen Empore stand ein Diener im Livree. Er f\u00fchrte seine mit einem wei\u00dfen Handschuh best\u00fcckte Hand an seinen Mund, der sich zu einem nachsichtigen L\u00e4cheln verzog, w\u00e4hrend er mit der anderen Hand ein silbernes Tablett trug, auf dem das Medaillon auf einem seidenen Kissen lag. Unsere Anwesenheit war selbstverst\u00e4ndlich. \u201eMyladies, sie wissen doch, Seine Lordschaft w\u00fcnscht Ruhe!\u201c Wir lachten nur und tanzten weiter durch S\u00e4le und R\u00e4ume, ausgelassen wir Kinder, w\u00e4hrend unsere Kleider raschelten.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich donnerte eine tiefe Stimme durch das Geb\u00e4ude. Schuldbewusst schauten Witchblade und ich uns an, f\u00fchlten uns ertappt wie Dienstm\u00e4dchen, die man erwischt hatte, vom verbotenen herrschaftlichen Wein zu kosten. Der Diener warf uns einen \u201eIch hatte es euch doch gesagt\u201c-Blick zu und \u00f6ffnete eine riesige zweifl\u00fcglige T\u00fcr hinter sich zu einem Raum, der ebenso warm und edel ausgestattet war, wie das gesamte Haus. Eine riesige Eichentafel, reichlich gedeckt mit silbernen Platten und glitzernden Pokalen, stand in der Mitte des Raumes und an der Stirnseite sa\u00df, flankiert von einem weiteren Diener, Jim, seinen Kopf m\u00fcde in der Hand abgest\u00fctzt, w\u00e4hrend er den vor sich stehenden Kelch mit dem funkelnden roten Wein unschl\u00fcssig drehte. Wir betraten mit gesenkten K\u00f6pfen den Raum. Angst versp\u00fcrte ich keine, nur Bedauern, nicht ruhiger gewesen zu sein und nun die Kopfschmerzen Seiner Lordschaft herbeigerufen zu haben. Witchblade versteckte sich hinter meinem R\u00fccken und wollte weglaufen, aber ich hielt ihre Hand. Langsam schritten wir auf Jim zu und verneigten uns. \u201eEs tut uns Leid\u201c fl\u00fcsterte ich in seine Richtung und wartete auf seine Reaktion. Er seufzte tief, und dann l\u00e4chelte er, strich uns \u00fcber die K\u00f6pfe. \u201eTanzt weiter, Myladies. Tanzt!\u201c Aber sein L\u00e4cheln wirkte m\u00fcde und wir waren verunsichert, r\u00fchrten uns nicht von der Stelle. Mylord Jim nahm meine Hand und sah mir in die Augen. \u201eW\u00fcrdest du diese Welt eintauschen, auch wenn du niemals mehr zur\u00fcckkehren k\u00f6nntest? W\u00fcrdest du fortgehen?\u201c fragte er mich und schien bek\u00fcmmert. Doch ich wollte nicht aus dieser Welt verschwinden, es war mein zu Hause. Besorgt schaute ich erst Mylord und dann Witchblade an. \u201eW\u00fcrdest du gehen wollen?\u201c Und zu meinem Erstaunen nickte sie und ihr Gesicht hatte etwas Verletzliches, als k\u00f6nne sie sich nur schwer trennen, w\u00fc\u00dfte aber, dass es einen Abschied geben musste. Mylord Jim nahm auch ihre Hand und seine Augen schimmerten feucht. \u201eIch wei\u00df, dass ihr gehen werdet. Aber ich muss bleiben!\u201c Der Diener brachte das Medaillon auf dem Tablett und Jim ergriff es. An einer schwarzen Samtschnur lie\u00df er es ein paar Sekunden vor uns schwingen. Mit untr\u00fcglicher Sicherheit wusste ich, dass eine einzige Ber\u00fchrung des Medaillons ausreichen w\u00fcrde, mich wegzutragen, in eine andere Realit\u00e4t, in eine andere Welt. Ich wich einen Schritt zur\u00fcck, wich dem hingehaltenen Schl\u00fcssel aus. Witchblade jedoch griff zu, und sobald sie das Amulett ber\u00fchrte, verblasste sie, l\u00f6ste sich auf, w\u00e4hrend sie unter Tr\u00e4nen l\u00e4chelte und ihre Augen um Verzeihung baten. Dann war sie verschwunden und fragend blickte ich Mylord an, hoffend auf eine Erkl\u00e4rung. \u201eWir alle m\u00fcssen ein bestimmtes Leben f\u00fchren!\u201c antwortete er auf meine unausgesprochene Frage und l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>\u201eWerde ich sie wiedersehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das wirst du!\u201c versprach er mir, und ich glaubte seinen Worten, noch traurig \u00fcber ihr Weggehen, und doch sp\u00fcrte ich auch Zuversicht, dass ihre Entscheidung f\u00fcr sie die richtige war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Szenenwechsel<\/p>\n<p>Ich sa\u00df, in einem mausgrauen Umhang geh\u00fcllt, unauff\u00e4llig in einem winzigen Caf\u00e9, das wie ein Zugabteil eingerichtet war. Niemand nahm Notiz von mir, das ab- und anschwellende Gespr\u00e4chsgewirr drehte sich um den Lord aus vergangenen Zeiten. Verstohlen lauschte ich den Ger\u00fcchten, meine H\u00e4nde ber\u00fchrten das Medaillon um meinen Hals. Pl\u00f6tzlich verstummten die Gespr\u00e4che und alle Blicke wandten sich nach drau\u00dfen, wo auf einer gro\u00dfen wei\u00dfen Treppe ein Brautpaar erschien, flankiert von Menschen. Ich erkannte Witchblade, auch wenn sie etwas \u00e4lter geworden schien. Sie l\u00e4chelte und sah traumhaft aus in dem wei\u00dfen Brautkleid. Verliebt blickte sie zu dem Mann an ihrer Seite auf, der ihre Hand hielt. Sie sah mich nicht und ich gab mich nicht zu erkennen, sondern ber\u00fchrte das Medaillon erneut, um zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Unwetter begann erst richtig zu toben, als sich die T\u00fcr hinter den zwei Ank\u00f6mmlingen schloss und das Rascheln ihre tropfenden Kleider durch das Zimmer glitt. 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