{"id":498,"date":"2010-04-13T12:21:14","date_gmt":"2010-04-13T11:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/archives\/498"},"modified":"2010-04-13T12:23:05","modified_gmt":"2010-04-13T11:23:05","slug":"13-04-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/13-04-2010\/","title":{"rendered":"Traumsequenzen 13.04.2010"},"content":{"rendered":"<p>Es gab nur ein winziges Fenster, durch das sich kleine Lichtstrahlen zw\u00e4ngten. Die W\u00e4nde waren wei\u00df gekalkt und fast \u00fcberall mit Werkzeugen und Schr\u00e4nken behangen und vollgestopft. Auf einer l\u00e4dierten Kommode stand ein uraltes R\u00f6hrenradio; eines jener Sorte, wo man rechts und links zwei Kn\u00f6pfe hat, um die Senderfrequenzen zu suchen und die Lautst\u00e4rke einzustellen. In den Schubladen fand ich Unmengen verrosteter N\u00e4gel und Schrauben, Eisendr\u00e4hte, aufgewickelt zu Rollen. \u00dcberall waren S\u00e4gen, H\u00e4mmer, Bohrmaschinen und Kabel. In einer Ecke stapelte sich Holz und in einem Schraubstock klemmte ein Holzklotz, an dem vor kurzen noch gehobelt worden war. Es roch nach Rost, \u00d6l, Holz und Staub \u2013 jene unverkennbare Mischung eines Werkstattkellers. Und ich kannte den Keller, es war der meines Vaters. <!--more-->Doch ich war allein, stand an der T\u00fcr und blickte in den vertrauten, l\u00e4ngst vergessenen Kellerraum aus vergangenen Kindertagen. Meine Finger suchten den Lichtschalter, er war an der vertrauten Stelle, und summend flackerte das Licht einer nackten Gl\u00fchlampe in der Mitte des Raumes auf.<\/p>\n<p>Ich stand noch immer an der T\u00fcr und blickte in den Raum, saugte die Ger\u00fcche in mich auf und begann zu weinen. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte ich Schritte und jemand rief meinen Namen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Hinlaufen, woher die Stimme kam? Ich l\u00f6schte das Licht der Kellerwerkstatt und als sich auch die quietschende Holzt\u00fcr unendlich langsam schloss, stand ich in v\u00f6lliger Dunkelheit. Ich kannte den Kellergang, der zu der Werkstatt meines Vaters in den Katakomben des alten Mietshauses f\u00fchrte. Ich bin ihn unendlich viele Male gegangen \u2013 und immer hatte ich dabei etwas Angst. Die wei\u00df get\u00fcnchte Werkstatt war so etwas wie eine Insel gewesen f\u00fcr mich, auf die ich zuschwimmen konnte, an den Monstern und Gesch\u00f6pfen der Schw\u00e4rze vorbei. Manchmal rannte ich den Gang durch die Kellerschluchten entlang, aber ab einem gewissen Alter achtet man mehr auf W\u00fcrde; also unterlie\u00df ich das Rennen. Das beklemmende Gef\u00fchl der Angst blieb trotzdem haften.<\/p>\n<p>Und ich sp\u00fcrte es gerade wieder. Ich war nicht allein in dem d\u00fcsteren Gemeinschaftskeller. Doch da war noch immer auch die Stimme, die meinen Namen rief, weit weg. Irgendwo drau\u00dfen. Ich tastete mich an der Wand entlang, sp\u00fcrte die Ritzen und den groben Putz an den Fingern. Ein Atmen war an meinem Ohr, ganz nah und meine Nackenhaare str\u00e4ubten sich. Ich selbst atmete nicht mehr, sondern blieb regungslos stehen, zitternd an die Wand gepresst, die Augen geschlossen.<\/p>\n<p>Wieder h\u00f6rte ich die Stimme \u2013 besorgter, entschlossener, n\u00e4her! Ich konzentrierte mich auf die Stimme, sie war meine Insel, sie w\u00fcrde mich aus dem Keller f\u00fchren. Ich tastete mich weiter und ignorierte das Schnaufen in meiner N\u00e4he.<\/p>\n<p>Am Ende des Kellerganges fiel durch die Ritzen Licht. Ich wusste, es war das geschlossene Fenster, das direkt auf den Hof hinausging. Jetzt waren die gro\u00dfen Fl\u00fcgelt\u00fcren aus Holz davor geschlossen. Und wie immer w\u00fcrde ein Schloss verhindern, dass Fremde das Fenster zum Keller \u00f6ffneten. Ich hatte keinerlei Hoffnung, dass ich dort hinaus kommen w\u00fcrde \u2013 aber ich musste dort hin. Irgendwie. Von dort kam die Stimme, auf der anderen Seite, im Licht. Ich h\u00f6rte sie ganz deutlich. Ich tastete mich weiter zu den winzigen Lichtfetzen vor, ignorierte meine Angst und das Fl\u00fcstern um mich herum. Dann erreichte ich das Fenster. Die Holzfl\u00fcgelt\u00fcren waren wie erwartet mit einem verrosteten Schloss verh\u00e4ngt und ich war nicht in der Lage, sie zu \u00f6ffnen. Ich schluchzte und fiel auf die Knie auf den staubigen, dreckigen Kellerfu\u00dfboden. Ich hatte verloren. Die Dunkelheit w\u00fcrde mich schlucken.<\/p>\n<p>Und dann h\u00f6rte ich wieder die Stimme \u2013 auf der anderen Seite des verschlossenen Fensters; und sie rief meinen Namen. Ich kannte die Stimme. &#8222;Hier!&#8220; rief ich. &#8222;Ich bin hier! Bitte!&#8220; mehr sagte ich nicht.<\/p>\n<p>Dann \u00f6ffneten sich die beiden Fl\u00fcgelt\u00fcren und Licht flutete hinein. Eine Hand streckte sich mir entgegen und zog mich auf die F\u00fc\u00dfe. Ich kletterte aus dem Kellerfenster, schluchzend vor Gl\u00fcck, der Dunkelheit entkommen zu sein. Ich lie\u00df die Hand nicht mehr los. Die Hand trug einen silbernen Ring.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab nur ein winziges Fenster, durch das sich kleine Lichtstrahlen zw\u00e4ngten. Die W\u00e4nde waren wei\u00df gekalkt und fast \u00fcberall mit Werkzeugen und Schr\u00e4nken behangen und vollgestopft. 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