{"id":8095,"date":"2012-12-29T09:15:31","date_gmt":"2012-12-29T08:15:31","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=8095"},"modified":"2012-12-29T09:20:09","modified_gmt":"2012-12-29T08:20:09","slug":"werwolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/werwolf\/","title":{"rendered":"Werwolf"},"content":{"rendered":"<p>Als ich den Tisch in dem Flur des alten Schulgem\u00e4uers sah, wusste ich, dass wir es vermasselt hatten. Die K\u00fcche stand auch noch nicht, wie sie stehen sollte, und vorbei laufende andere Sch\u00fcler r\u00fcmpften bereits \u00fcberheblich die Nase; sie wussten wie ich, dass die alte Hauswirtschaftslehrerin darauf herumreiten und uns auf ihre subtile Art und Weise fertig machen w\u00fcrde. Da half es auch nichts mehr, dass ich ein paar dunkelblaue Kerzen noch umstellte und die Tischdecke gerade zupfte. Wir hatten es vermasselt. Der Tisch sah einfach Schei\u00dfe aus in dem Flur. Ich k\u00fchlte ersch\u00f6pft und resigniert meine hei\u00dfe Stirn an den groben kalten Backsteinmauern und wartete auf das Erscheinen der Lehrerin. Aber sie kam nicht. Statt dessen rannten Unmengen von Sch\u00fclern panisch aus einem Gang heraus, aus dem ein dumpfes Grollen ert\u00f6nte. Ich k\u00e4mpfte mich durch die kreischenden Menschenmassen auf den Gang zu. Meine Nackenhaare stellten sich auf, irgendetwas passierte in dem Gang, und es war nicht richtig! Etwas Gef\u00e4hrliches, Wildes, dem man tunlichst aus dem Weg gehen sollte. Und ich lief mitten hinein! Wieso lief ich mitten hinein? Ich presste mich bei dieser Erkenntnis erschrocken in einen Seitengang, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie eine \u00fcbergro\u00dfe, verkr\u00fcppelt und verwachsende, bucklige und mit Fellzotteln behangene Gestalt an mir vorbei sprang, in die Menschenmenge, und anfing, Sch\u00fcler im hohen Bogen durch die Luft zu schleudern. Diese kreischten und schrien vor Entsetzen; aber das Wesen h\u00f6rte nicht auf. Es stie\u00df f\u00fcrchterliche Laute aus, ein Knurren und Grollen; und rannte den Gang hinunter, um in einem anderen Seitengang zu verschwinden. Dann war pl\u00f6tzlich Ruhe.<\/p>\n<p>Aber nur f\u00fcr kurze Zeit; denn ein winziger italienischer Professor krabbelte im n\u00e4chsten Moment durch einen Gullideckel, entdeckte mich und rief mir vorwurfsvoll zu, wo ich denn bleiben w\u00fcrde! &#8222;Nun kommen Sie endlich! Wir haben doch nicht ewig Zeit, und Sie haben doch darauf gedr\u00e4ngt, die Stadt zu sehen!&#8220; Das hatte ich, also sprang ich hinter dem kleinen Professor in den Abwasserkanal und wir hasteten durch weitere tropfende, dunkle Kan\u00e4le. Ich fragte mich, ob wir hier dem Werwolf oder einem Wendigo begegnen w\u00fcrden, aber nichts dergleichen geschah. Der Professor war f\u00fcr seine K\u00fcrze ziemlich flink. Er trug als einziger eine Fackel, die nur unzureichend Licht spendete. Aber ich hatte mich sowieso schon hoffnungslos verlaufen. Ab und zu hielt der kleine Fackeltr\u00e4ger inne, um uns auf einen besonderen Stein in dem Kanal aufmerksam zu machen. Schlie\u00dflich aber kamen wir zu einer \u00d6ffnung an der Decke, ein weiterer Gullideckel, durch den wir kriechen sollten, um an das Ziel unserer Besichtigungstour zu kommen: eine gigantische Rohrstadt, gl\u00e4nzend und glitzernd. Ich versuchte, mich als Letzte durch die kreisrunde \u00d6ffnung zu zw\u00e4ngen, aber &#8211; ich blieb stecken. Einfach stecken. Nichts ging mehr, weder vorw\u00e4rts noch r\u00fcckw\u00e4rts; ich hing einfach fest. In der Ferne sah ich die Rohrstadt schimmern und ich dachte immerfort: &#8222;So nah am Ziel, und jetzt sitzt du hier fest!&#8220; Der Professor war mit den anderen bereits weiter gelaufen. Ich sp\u00fcrte eine Mischung aus Zorn und Verzweiflung in mir aufsteigen, dass sie nicht einmal bemerkt hatten, dass ich nicht aus dem Loch kriechen konnte. Pl\u00f6tzlich stand der Professor wieder vor mir, sah mich vorwurfsvoll an und fragte, wo ich denn bleiben w\u00fcrde? &#8222;Hallo?! Wie Sie sehen, stecke ich in einem Loch fest!&#8220; verteidigte ich mich. &#8222;Papperlapp! Sie stecken nicht fest, Sie m\u00fcssen es nur richtig machen! Denken Sie sich frei!&#8220; Bl\u00f6dmann! Aber es funktionierte, und ich dachte mich frei. Fast erwartete ich ein Ploppen, als ich aus dem Loch kroch &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; und in einem Stra\u00dfencafe sa\u00df. Mir gegen\u00fcber ein Mann, den ich zu kennen schien, im Seidenhemd und mit einer dieser Fliegerbrillen, das Haar kurz und streng zur\u00fcckgek\u00e4mmt. Er schaute auf die glitzernde Rohrstadt in der Ferne, und dann zu mir, l\u00e4chelte mich an, seine Z\u00e4hne blitzten wei\u00df und strahlend und ich sp\u00fcrte Stolz, denn dieser Mann &#8211; das wusste ich mit untr\u00fcgerischer Sicherheit, die mich mit Zufriedenheit erf\u00fcllte &#8211; war mein Werwolf &#8211; und mein Sohn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich den Tisch in dem Flur des alten Schulgem\u00e4uers sah, wusste ich, dass wir es vermasselt hatten. 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