{"id":8482,"date":"2013-02-09T19:07:31","date_gmt":"2013-02-09T18:07:31","guid":{"rendered":"http:\/\/sajec.de\/blog\/?p=8482"},"modified":"2013-02-09T21:54:30","modified_gmt":"2013-02-09T20:54:30","slug":"eistranen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sajec.de\/blog\/eistranen\/","title":{"rendered":"Eistr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p>Sie lief seit Stunden. Sie lief und weinte, w\u00e4hrend der eiskalte Januar-Wind ihre Tr\u00e4nen in brennende Eiskristalle verwandelte. Ihr Gesicht schmerzte unter dem eisigen Wind und ihre H\u00e4nde f\u00fchlten sich starr an. Sophie versuchte, ihre Finger zu bewegen, auch wenn es schmerzte. Doch der Schmerz der K\u00e4lte war nichts gegen den Schmerz in ihr drin.<\/p>\n<p>Sie hatte geglaubt, dass es eine gute Idee w\u00e4re, loszulaufen. Fortzulaufen. Am Anfang hatte sie noch die klare Winterluft genossen, die menschenleere Stille des sanften, weiten, schneebedeckten H\u00fcgels, den sie hinauf gewandert war.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war sie hier oft mit ihrem Vater unterwegs gewesen. Mit ihm hatte sie lange Spazierg\u00e4nge und Wanderungen unternommen. Auch im Winter. Er hatte ihr die Spuren der Tiere im Schnee erkl\u00e4rt; Fotos gemacht und wenn Sophie zu m\u00fcde zum Laufen war, hatte er sie auf seinen Schultern ein St\u00fcck getragen.<\/p>\n<p>Aber an diesem Nachmittag im Januar war Sophie ohne ihren Vater unterwegs.<\/p>\n<p>Mittlerweile schienen Himmel, Horizont und Schneefeld zu einem einzigen Grau verschmolzen zu sein. Der Wind war heftiger und k\u00e4lter geworden und Sophie sp\u00fcrte jedes einzelne Hagelk\u00f6rnchen auf ihrem kalten Gesicht. An ihren Wimpern hatten sich bereits Eiskristalle gebildet. Sie war m\u00fcde, ihr war kalt und sie w\u00fcnschte, sie w\u00e4re nicht so weit gelaufen. Weinend lief sie weiter. Was blieb ihr auch Anderes \u00fcbrig? Sie w\u00fcnschte sich ihren Vater an ihre Seite, dass er sie an die Hand nehmen w\u00fcrde, ihr Geschichten erz\u00e4hlt. Mit ihm an ihrer Seite w\u00e4re ihr der Weg nach Hause nicht mehr so weit vorgekommen. Aber ihr Vater war nicht bei ihr.<\/p>\n<p>Vater hatte sich ver\u00e4ndert, seit Mamutschka \u2026<\/p>\n<p>Sophie vermisste Mamutschka. Mehr als zuvor. Aber Mamutschka war tot. Die Endg\u00fcltigkeit des Verlustes hatte die 11-J\u00e4hrige mittlerweile auch begriffen; aber ihre Seele wollte das immer noch nicht akzeptieren. Noch heute, fast 4 Jahre nach Mamutschka\u2019s Beerdigung, machte Sophies Herz jedes Mal einen hoffnungsvollen Sprung, wenn sie Frauen begegnete, die ihrer Mutter in Statur und Gesichtsz\u00fcgen glichen. Nach diesen Herzspr\u00fcngen jedoch kamen die unerbittliche Leere und die Trauer, der Verlust, zur\u00fcck. Noch mehr \u00e4ngstigte sie jedoch das Gef\u00fchl, dass mit jedem Jahr Mamutschka\u2019s Gesicht in Sophies Ged\u00e4chtnis verblasste. Aber Sophie wollte nicht vergessen, klammerte sich an jedes St\u00fcckchen Erinnerung. Doch es war schwer, denn Vater hatte alle Bilder seiner toten Frau weggeschlossen. Und Elvira verbot Sophie, \u00fcber Mamutschka zu reden. Elvira, Sophies Stiefmutter, war der Grund, wieso Sophie immer \u00f6fters von zu hause regelrecht fl\u00fcchtete. Elvira, die Sophie anbr\u00fcllte, wenn die K\u00fcche nicht gewischt oder der Abwasch nicht erledigt war; die Sophies B\u00fccher aus dem Fenster warf, wenn Sophie verga\u00df, sie wegzur\u00e4umen. Die j\u00e4hzornige Elvira, die sich in Sophies Familie geschlichen hatte, Mamutschkas Kleidung trug, den Vater in Kneipen schleppte und Sophie verbot, Freunde mit nach Hause zu bringen.<\/p>\n<p>Endlich war Sophie zu Hause. Die Wohnung war dunkel, und Sophie war froh dar\u00fcber. Es bedeutete, dass Elvira nicht da war. Erleichtert atmete sie auf, warf die nassen Hosen und den Anorak in die W\u00e4sche und wusch die schmerzenden kalten H\u00e4nde unter kaltem Wasser. Das hatte ihr ihr Vater beigebracht. Es tat zwar in den ersten Minuten noch einmal weh, aber danach w\u00fcrden sie schnell w\u00e4rmer werden. Noch immer liefen ihr die Tr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht, weil ihr so kalt, weil sie so m\u00fcde war und weil sie w\u00fcnschte, dass wenigstens Vater jetzt da w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nachdem Sophie wieder etwas Gef\u00fchl in ihren H\u00e4nden sp\u00fcrte, schl\u00fcpfte sie in ihren Schlafanzug, obwohl es noch fr\u00fch am Abend war. Sie kochte sich Tee; und als dieser fertig war, kuschelte sie sich in die Decke auf dem Sofa. Sie machte kein Licht an, genoss die Dunkelheit und die Stille. Nur selten huschten die Lichter vorbeifahrender Autos \u00fcber die tapezierten W\u00e4nde. Langsam beruhigte sich ihre Seele. Ihr wurde wieder warm und M\u00fcdigkeit, die sich nun angenehm anf\u00fchlte, umschlang sie noch mehr. Sophie schlief ein. Sie merkte nicht einmal mehr, wie ihr Vater leise die Wohnstube betrat, ihr sanft \u00fcber das lange blonde Haar streichelte und sie in ihr Bett trug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie lief seit Stunden. Sie lief und weinte, w\u00e4hrend der eiskalte Januar-Wind ihre Tr\u00e4nen in brennende Eiskristalle verwandelte. Ihr Gesicht schmerzte unter dem eisigen Wind und ihre H\u00e4nde f\u00fchlten sich starr an. 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