
Zwischen Oberlausitz und Wattenmeer
Ich bin in der Oberlausitz aufgewachsen. In der DDR, mit all dem, was damals eben zum Leben gehörte: manches war ganz normal, manches ziemlich speziell und manches versteht man wahrscheinlich erst, wenn man es selbst erlebt hat.
Dann kam 1989/90 die Wende – und plötzlich war vieles anders. Neue Möglichkeiten, neue Freiheit, neue Wörter im täglichen Sprachgebrauch und gefühlt ungefähr tausend Dinge, von denen man vorher noch nie gehört hatte. Dass ich einmal so selbstverständlich durch ein Land fahren würde, ohne irgendwo an einer Grenze stehen zu müssen, hätte ich mir als Kind vermutlich auch nicht vorstellen können. Ich bin jedenfalls froh, dass es so gekommen ist. Sehr froh sogar.
Im Jahr 2000 zog es uns dann – Knuffel, Moni und mich – an die Nordsee, genauer in die Wesermarsch. Und wie das manchmal so ist im Leben: Man fährt eigentlich nur wegen der Arbeit irgendwohin und stellt irgendwann fest, dass man dort geblieben ist.
Die Wesermarsch wurde unsere neue Heimat. Die Farben blieben fast gleich, Blau und Gelb und hier im Norden auch viel Grün. Hier gab es statt der vertrauten Hügel der Oberlausitz plötzlich Salzwiesen, Deiche, Wind und das Wattenmeer. Und natürlich diese norddeutsche Spezialität: Wetter, das innerhalb von zehn Minuten drei verschiedene Jahreszeiten ausprobieren kann. Mit der Zeit haben wir gelernt, dass „Windstärke ordentlich“ hier kein Grund ist, den Spaziergang abzusagen, sondern eher eine Einladung, sich die Frisur zu sparen.
Trotzdem ist die alte Heimat nie verschwunden. Die Oberlausitz bleibt ein Stück von mir. Heimat ist offenbar kein Ort, den man gegen einen anderen austauscht. Man kann eine neue Heimat finden, ohne die alte zu verlieren.
Heute schaue ich auf dieses inzwischen ziemlich verrückte, manchmal wunderbare und manchmal schwer verständliche Deutschland mit einer Mischung aus Dankbarkeit, Verwunderung und gelegentlichem Kopfschütteln.
Und irgendwo zwischen Oberlausitz und Wesermarsch gibt es inzwischen noch einen ganz besonderen Grund, warum mir Frieden wichtig ist: Unser Enkelkind, geboren 2025.
Ich wünsche mir, dass dieses Kind einmal ganz selbstverständlich in einem freien und friedlichen Land aufwachsen kann. Ohne Hass, ohne Grenzen in den Köpfen und hoffentlich mit der Möglichkeit, seine eigene Heimat zu finden – egal, wo die irgendwann sein wird. Vielleicht am Meer. Vielleicht in den Bergen. Vielleicht ganz woanders. Und vielleicht wird es eines Tages fragen, wie das denn damals war – als Deutschland noch geteilt war. Dann werde ich erzählen. Von der Oberlausitz. Von der DDR. Von 1990. Von unserem Umzug im Jahr 2000. Von der Wesermarsch und dem Wattenmeer.
Und vermutlich auch davon, dass man im Norden bei Sonnenschein trotzdem eine Jacke dabeihaben sollte. Man weiß ja nie.
